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Lenny Kravitz – Black and White America

Ein Album nach dem Cover beurteilen – darf man nicht, funktioniert im Falle von Lenny Kravitz´neuntem Album dann aber doch erstaunlich gut. Was es allerdings geschickt verheimlicht: ‚Black and White America‘ ist hemmungslos beladen und schlußendlich auch überladen. Denn rechtfertigen muß sich Kravitz mittlerweile nur noch sich selbst gegenüber.

Allein Quantitativ fährt Kravitz schwere Geschütze auf: 16 Songs vereint die erste Platte seit drei Jahren. Über eine Stunde Musik also, die keine Grenzen kennt und massenhaft Botschaften zu transportieren hat: ‚Negrophilia‘ hätte Kravitz erste Platte für Roadrunner / Atlantic eigentlich heißen sollen, ‚Black and White America‚ ist es dann aber geworden und mit dem kleinen Afroamerikaner – na, wer wird das wohl sein? – samt Peace Zeichen im grimmigen Gesicht unterstreicht Kravitz sein Anliegen. Allein eine ‚Love Revolution‚ reicht nicht mehr, es gilt rassendiskriminierende Probleme in einem immer noch ungerechten Amerika konkret anzuprangern und die eigene Jugend im „persönlichsten Album seiner Karriere“ zu verarbeiten. Dass alles will Kravitz – und hinterlässt dabei einen zerfahrenen Eindruck.

Die schweren Geschütze – auch musikalisch vertreten. Kravitz bringt von Funk und Soul, über Soul und Blues bis hin zu Pop und Rock alles ins Spiel, was der Multiinstrumentalist auffahren kann.  ‚Black and White America‚ bringt Gitarrenmusik nach Kravitz´ Verständnis, Disco aus der Retrospektive und die obligatorischen Balladen sind natürich auch an Bord. James Brown steht hier stellvertredend Pate für alles, was sich in den 60ern und 70ern getan hat – im Grunde zitiert sich Kravitz allerdings über eine Stunde selbst. Passend dazu gibts die üblichen Texte über Glaube (vorrangig an sich selbst), Rock´n Roll (vorrangig an die introspektive Sichtweise), Liebe (vorrangig…zu schönen Ladies) und was der alte Hippie halt sonst schon immer besungen hat. Was auch die neunte Kravitz Platte zu einem soliden, grundsätzlich aber auch spannungsarmen Werk gemacht hätte. Einem, welches das Formatradio mit handzahmen und glattgebügelten Songs über Gebühr unterhalten hätte, ginge es nach Kravitz wohl sogar im Alleingang.

Wäre die Platte eben nicht gar derartig überladen. Unter den sechszehn Songs verschleppt sich Kravitz oft, so dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Die paar wenigen wirklich tollen und die handvoll soliden Songs gehen in diesem unübersichtlichen Sammelsurium schlicht unter. Am Besten ist Kravitz tatsächlich, wenn er den enthemmten Funkmeister gibt, die zweite Single ‚Come on Get it‚ darf über beinahe die gesamte Spielzeit als Paradebeispiel gesehen werden, auch der Titelsong weiß zu gefallen und die pumpende Disco ‚In the Black‚ sitzt ebenso straff. Da lässt Kravitz durchblitzen, dass er James Brown beerben könnte, Prince in nichts nachstehen müsste und ohnedies einer der Größten sein könnte, würde er sich nicht selbst permanent unter Wert verkaufen. Denn dem wenigen mitreißenden Liedgut  gegenüber stehen zu viele Leerläufe, vor allem hinten raus wäre quantitativ weniger mehr einfach mehr gewesen. ‚Rock Star City Life‚ suhlt sich als ein schelmisch gemeinter Rocker, der sich selbst aber so geil findet, dass hier neben Hirn und Herz vor allem die Eier fehlen und schlußendlich nur genug Langeweile bleibt – da macht sogar die arg simple Vorabsingle ‚Stand‚ noch mehr Laune. ‚Looking Back On Love‚ oder ‚The Faith Of A Child‚ berühren nicht und machen damit alles falsch, was die Intention hinter diesen Songs ist. Freilich alles nichts im Vergleich zu ‚Dream‚, eine derartig gallige Pianoballade mit tränenbesudelten Streichern, dass sogar die striktesten Flower Power People mit aufgerollten Fußnägeln rabiat werden dürfen. ‚Boongie Drop‚ schielt Richtung Gorillaz und schmiert ungelenk wackelnd ab, da kann auch Jay-Z wenig ausmachen – der fügt sich ebenso brav und unaufdringlich in die Kravitz Show ein wie Drake acht Nummern später.

Black and White America‚ ist eben eine reine Kravitz-Show, abgesehen von Craig Ross macht der schöne Lenny mittlerweile alles im Alleingang. Wahrscheinlich nicht die beste Entscheidung, denn hier wäre mehr drinnen gewesen. Die schon lange dauernde künstlerische Durstrecke im neuen Jahrtausend setzt sich damit weitestgehend fort. Dass Kravitz in seinem weitläufigen Tatendrang beinahe größenwahnsinnig anmutet, ist dabei nicht das eigentliche Problem – hier fehlt allerdings so klar der Fokus und nicht selten auch einfach der Biss. ‚Black and White America‚ klingt in alle Genres ausufernd – aber nicht, weil die Platte es muß, sondern, weil sie es kann. Kravitz will 22 Jahre nach seinem Debüt immer noch verdammt viel und wäre tatsächlich zu allerhand fähig. Mit einer objektiven Stimme neben sich, wäre er es allerdings wohl zu noch mehr.

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