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LITE – For All Innocence

Der Nachfolger ihres 2008er Meisterwerkes ‚Phantasia‘ fasst die Entwicklung der japanischen instrumental Rocker Lite in den letzten drei Jahren zusammen: Im Inneren ist das immer noch Math-Rock allererster Güte, allerdings großteils verpackt in gewöhnungsbedürftigem Synthie-Gewand.

Benennt man es mit dem wohlwollenden Unterton, den sich LITE mit ihrer Math-Rock Wahnsinnstat ‚Phantasia‚ auch redlich verdient haben, war es gelinde gesagt eine Überraschung – der Sound auf der 2009 nachfolgenden ‚Turns Red‚ EP. Klar waren das noch LITE, wie man sie in unseren Breitengraden erst kürzlich zu lieben gelernt hatte, doch wollte der merkwürdige Elektronikeinfluss, der sich plötzlich aus unbekannter Richtung auf die drei Songs niedergeschlagen hatte, nicht so richtig homogen ins Gesamtbild einfügen. Mehr als ein unpassender Faktor ließ er den Math Rock der vier Japaner jedoch vor allem in einem abstrusen, neonbeleuchteten Technolicht erscheinen. Als 2010 dann die nächste EP ‚Illuminate‚ folgte, war nicht nur weil die drei ‚Turns Red‚ Songs darauf abermals Verwendung fanden klar: LITE marschieren da in eine neue Richtung, die auch vor cheesy Keyboardeinsätzen und billigen Synthieabenteuern nicht Halt macht.

For All Innocence‚ bekräftigt diese Erwartungen – nicht wenige werden es Befürchtungen nennen – nun weitestgehend auf Albumlänge.
Ist das Intro ‚Another World‘ mit seinem unkonkreten Computerfiepen und sphärischen Keyboardklängen noch ein wenig aussagekräftiger Herold, geht das folgende ‚Red Horse in Blue‚ gleich in die Vollen. Da übernimmt ein direkt aus Secret of Mana entliehenes, esoterisch angehauchtes Keyboard die Führung, während der Rest hinten nach trottet. Denn hinter der vordergründigen Synthieaction ist freilich vieles beim Alten geblieben: Die Finger flitzen nur so über die Griffbretter, zwei hochkomplex arrangierte Gitarren springen übermütig um treibende, allgegenwärtige Bassrhytmen, während das Schlagzeugspiel sowieso aus einer anderen Welt zu kommen scheint und nach wie vor zum spannendsten und vor allem technisch versiertesten gehört, was das Genre Math-Rock zu bieten hat. Dass ‚Red Horse in Blue‚ nach der Hälfte über ein Akkustiggitarrenzwischenspiel in ein kurzes Feuerwerk der E-Gitarre umschlägt, überrascht nicht nur, sondern zeigt im weiteren Verlauf auch die restliche Platte vorwegnehmend: Wenn die Musik die Synthies in die Mitte nimmt, sind die „neuen“ Lite zu Höchstleistungen fähig.

Allerdings verschleiern LITE auf ‚For All Innocence‚ durch den phasenweisen – keineswegs jedoch allgegenwärtigen – übertrieben markanten Einsatz von Keyboards und Synthies, was das eigentlich wieder für großartige Songs geworden sind:
Rabbit‚ ist Pianojazz nach LITE Art, für ein eventuelles Doogie Houser Remake produziert, in dem Captain Future die Hauptrolle spielen würde. Im tropikalen ‚Pirates and Paraceetes‚ ist man nicht nur dank „oo-oo-ooh“ Chören nur noch unbedeutend weit entfernt davon, die selbe Auffassung von Pop zu vertreten, wie das auch Battles tun. ‚Chameleon Eyes‚ belästigt zwar mit penetranten Synthie, aber dennoch ist es eine wahre Freude, die Band im Hintergrund zu hören, die wie manisch ihrer halsbrecherische Stop-and-Go Dynamik zelebriert. Die kürzeste Verbindung zwischen ‚The Rapture‚ artiger Tanzbarkeit samt Kuhglocke und, ja, Alternative Rock zeigt das eigenwillige ‚Duck Follows an Eccentric‚, nur um dann doch in einem von LITE aufgewirbelten Nebel aus Feedbackwirrwar zu verschwinden.  Für das  wiederverwertende Albumhighlight  ‚7 Day Cicada‚ schwelgt man in traumhaften Melodien und borgt sich die härtesten Gitarren der Bandgeschichte von ‚And So I Watch You From Afar‚ aus.
Darf man es da also als kruden Sinn für Humor sehen, dass ausgerechnet die den referenziellen Querverweis an die Anfänge der Umbrüche im LITE Sound im Namen tragende ‚Vermillion‚ Wiedergeburt ‚Pelican Watched as the Sun Sank‚ das quasi klassischste Stück der Band auf ‚For All Innocence‚ darstellt?

‚For All Innocence‚ unterscheidet sich von den bisherigen Alben der Band. Es steckt den unfassbaren Mathrock der Japaner in ein neues Gewand, welches nicht immer gleich gut steht. Vor allem dann aber, wenn die Synthies sich in den Song einfügen, anstatt penetrant die Richtung vorzugeben und sich so ein wenig selbst entschärfen. So ist ‚For All Innocence‚ ein auf den ersten Blick zwiespältiges Werk geworden, dem es – vor allem auf Dauer – aber immer wieder gelingt, trotz seines zumindest gewöhnungsbedürftigen Sounds mit der schieren Großartigkeit seiner Songs einzunehmen. Auch, weil der gesteigerte und wohldosiertere Einsatz von Synthesizern dem dritten Studioalbum LITE doch auch eine spannende neue Ebene hinzufügen kann – was sicherlich auch John McEntire (Tortoise) und J Robbins (Jawbox) zu verdanken ist. Ein neues ‚Phantasia‚ ist ‚For All Innocence‚ jedoch (zwangsläufig) nicht geworden. Sehr wohl aber ein gelungener Abschluss der Umwandlung von LITE in eine Synthieaffine Instrumental Band. Auch als solche gehört man zur Speerspitze des Math-Rock.

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  1. Pingback: Toe – The Future Is Now - HeavyPop.atHeavyPop.at 18. Juli 2012 […] und Discographiehöhepunkt bevor, sondern vielleicht sogar auch ein bisschen das Album, das ‘For All Innocence‘ zuletzt nicht als adäquater ‘Phantasia‘-Nachfolger sein […]

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