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Liturgy – Aesthethica

Vier New Yorker wagen wieder den Spagat zwischen Black Metal und Mathcore. Das alles mit einem künstlerischen Überbau Marke Klangexperimente. Was eigentlich nur schiefgehen kann, gelingt Liturgy auf Aesthethica  wieder grandios.

Schon der Opener „High Gold“ macht klar, dass Liturgy da ihr ganz eigenes Süppchen aufgekocht haben. Wenn man über eine Minute lang der klanglichen Entsprechung von dutzenden hüpfenden, elektrisch aufgeladenen Flipperkugeln lauschen darf, während simultan dazu der Highscore hochschnellt, muss man nicht zwangsläufig mit dem infernalen Black Metal Gebolze rechnen, das daraufhin losbricht. Hunter Hunt-Hendrix keift sich plötzlich die Seele aus dem Leib, als stamme er aus Skandinavien, seine Band holzt hinter ihm im Geschwindigkeitsrausch alles nieder, das Schlagzeug galoppiert mit einem Bein im Grindcore. Wenn die Drums dem Song schlussendlich vollends davon zu sprinten drohen,  wandelt sich „High Gold“ plötzlich zur mächtigen Mathcore Walze – und das weit weniger säuberlich getrennt, als es das Cover mit seinen Symbolen tut.

Dennoch sind dies die Pole zwischen denen Aesthetica sich mühelos bewegt. Der Gesang ist Black Metal pur, die Gitarren wollen es auch sein, spielen zu konkrete Melodien dafür, während das Schlagzeugspiel vollends zwischen Math- und Grindcore umherspringt.
Klar ist da die erste Assoziation Norwegen, vordergründig aber eben aufgrund des Gesangs. Instrumentale Nummern wie „Generation“ schreien hingegen nach Schweden, wenn der Takt Richtung Meshuggah ausschlägt. Nicht genug Stilsprünge für die damit vielleicht europäischste Metal Band New Yorks, immer wieder scheren sie noch zusätzlich aus, versetzen ihre druckvollen Songs mit vollkommen aus der Reihe tanzenden Elementen.
True Will“ beginnt passend zum Bandnamen mit einem Choral, der in Lederjacken anstelle von Roben steckt. „Helix Skull“ ist Gitarrenpicking, wie es auch der nächstbeste Computer zusammenfiepen hätte können, während „Sun of Light“ Suspense-Arbeit an den Saiteninstrumenten ist, bevor das Inferno beginnt und sich der Song schlussendlich selbst auffrisst – Stille ist die einzige Antwort auf dieses Ungetüm.

Die New Yorker dürften nicht  nur Calculating Infinity im Plattenschrank haben, sondern auch Delirium Cordia. Darauf deuten die immer wieder eingespeisten Score-artigen Soundspielereien auf Aesthethica hin, die sich irgendwo zwischen verstörend und atmosphärisch einpendeln. Deswegenverwundert es nach einer Stunde auch nicht mehr, wenn für „Glass Earth“ plötzlich wieder ein Harmoniegesang angestimmt wird. Auslaugend ist dieser, sich über dreieinhalb Minuten wiederholend bis zum maschinell anmutenden Produktionsgeräusch steigernd. Vor allem, da „Glass Earth“ eben nur mit diesem Gesang aufwartet, auf jedwede Instrumentierung verzichtet.
Zum Großteil ist Aesthethica aber ein bestialisches Kleinod der harten Gangart geworden, prescht in die Kerbe zwischen Mathcore und Black Metal und füllt diese praktisch im Alleingang aus. Da prallen Gekeife, Speedriffs und Temposchlagzeugspiel aufeinander, dass es keine Verletzten mehr gibt.
Ein wagemutiger Grenzgang, der zu jeder Sekunde funktioniert.


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Comments (2)

  1. Pingback: Guardian Alien - See the World Given to a One Love Entity - HeavyPop.atHeavyPop.at 22. Juli 2012 […] flott im nordischen Black Metal , dann wieder progressiv die Eile wegnehmend dort, wo schon ‘Aesthethica‘ den Math hinter hippen Kunstanspruch geprügelt hat, dann wieder im aufbauenden Jammodus. […]

  2. Pingback: Bölzer - Hero - HeavyPop.at 21. November 2016 […] schreiben und zu spielen bei Bölzer mittlerweile geändert hat!). Während man noch an Liturgy zu Aesthetica-Zeiten denken muß und sich nach und nach das hallende Gebrüll in den Song schiebt, explodiert die […]

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