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London Calling 2011 – Protestieren ohne Ziel?

Dublin Riots 2006Was in London und inzwischen vielen anderen englischen Städten passiert, hat nichts mit ideologischem Anarchismus zu tun, sondern will anscheinend einfach aufrühren. Beweist das die Ziellosigkeit der #UKRiots? Teils, teils.

Keine Manifeste, keine Forderungen, bloß Feuer, Krawall und Plünderungen. Das bekommen wir mit. Nach dem Tod eines Vaters, der ein Vorstadt-Kleinkrimineller gewesen sein soll, durch einen Polizeischützen, eskalierten erst friedliche Kundgebungen gegen Polizeigewalt zu den größten Unruhen die Großbritannien seit langem gesehen hat.
Parallelen zu den Vorstadtkrawallen in Frankreich und den massiven Protesten in Griechenland tun sich auf. Auch in England protestieren – unter anderem – sozial schlecht Gestellte gegen die rapiden Kürzungen der Regierung Cameron, gegen Rassismus und Intoleranz der britischen Polizei. Probleme, an denen auch New Labour nicht ganz unschuldig sind.
Wirklich politisch ist der Protest trotzdem nicht.

Vor allem die Revoluzer_innen aus dem arabischen Raum vermissen ein politisches Programm, einen Forderungskatalog wie den der friedlichen Demonstrant_innen in Spanien. Martin Blumenaus Analyse, dass die inhaltliche Diffusität der Riots sich aus der Unklarheit der Ziele ergibt, klingt hier durchaus schlüssig. Der Fortschritt der Postdemokratie, das Aushebeln echter Demokratie durch „das Großkapital“ wird immer klarer, auch für jene, die sich bisher wenig mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Die Regierung ist nicht der Hauptfeind, im momentanen System ist sie nicht viel mehr als Handlanger derer, die die schwerste Finanzkrise seit Jahrzehnten auslösten – und jetzt mit einem Plus, vom „einfachen Volk“ bezahlt, aussteigen. Die Krawalle sind der Auswuchs politischer und ökonomischer Unfähigkeit. Sie sind das Ergebnis einer rapiden Umverteilung von unten nach oben, das Ergebnis der Ausbeutung und des Selbstbetrugs der Mittelschicht.

Rechtfertigen kann das die ziellose Gewalt aber nicht, so wie es sich „riot“ linksunten bei indymedia wünschen würde. Dort wurde aufgerufen, den Feuern in London auch endlich Feuer in Berlin folgen zu lassen. Den Yuppies das Häuser unter dem Arsch wegzubrennen.
Familien zu zerstören, Unschuldigen Existenz und vielleicht das Leben zu nehmen. Das wäre wahrscheinlich das Ergebnis jenes dummen, pseudo-linken Aufrufs. Es kann nicht das Ziel einer Bewegung, die für Gleichheit und Toleranz kämpft, sein, Anderen, vor allem meist völlig Unschuldigen, das Leben zu zerstören oder zu nehmen, um einen Umsturz, welcher Art auch immer, zu bezwingen. Das ist auch das Ziel irrer Nationalist_innen, Anders Brejvik zeigte, wie weit das geht. Extremismus kann nicht das Ziel sein, das Ziel muss ein Mehr an Demokratie sein. Vor allem das Ziel der Linken.

Aber die hat in Großbritannien nicht die Zügel in der Hand. Dort sind viele auf der Straße, nur keine greifbaren, verstehbaren Bewegungen. Eine solche müsste sich erst formieren, im momentanen Chaos vermutlich ein Ding der Unmöglichkeit. In London und vielen anderen Orten drücken nicht nur politisch motivierte ihren Unmut über „das System“ aus, es leben auch die vielen an Krawall und Plünderei Interessierten ihr Bedürfnis aus, einfach etwas anzuzünden, einen Laden auszurauben. Einfache Menschen, die vielleicht durchaus mit einer zielgerichteten Bewegung für ein besseres Miteinander sympathisieren würden, müssen Nachts aus ihren anscheinend wahllos angezündeten Häusern fliehen.

Das kann doch nicht das Ziel sein. Die Unruhen müssen Form annehmen, die wirklichen Protestierenden müssen Ziele formulieren, ohne von Parteien oder Randgruppierungen vereinnahmt zu werden. Chaotische, brandschatzende Extremist_innen dürfen nicht den Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung, für Demokratie und Mitbestimmung vereinnahmen. Und die britische Öffentlichkeit darf nicht alle, die sich dieser Tage auf den Straßen befinden, über einen Kamm scheren. So, wie es die BBC-Moderatorin im folgenden Video mit dem Autor Darcus Howe versucht.

httpv://www.youtube.com/watch?v=biJgILxGK0o

Doch die Reaktion von Premier Cameron wird nicht zu schnellem Frieden führen. Denn er gab den Hardliner und sagte den Protestierenden den Kampf an.

Foto: debaird

Klemens

Das Licht der Welt erst 1991 erblickt und schon so bitter.

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