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Lou Reed & Metallica – Lulu

Wenn Kunstanspruch auf Heavy Metal trifft und letztlich dem Fass den Boden ausschlägt: Der ehemalige The Velvet Underground Vorstand Lou Reed vertont gemeinsam mit den Thrash-Pionieren Metallica ‚Lulu‘ von Frank Wedekind: „Es ist vielleicht das Beste, was jemals von irgendwem gemacht wurde – und das ist mein voller Ernst!“ vs. „I am the table!“.

Understatement geht freilich anders. Nun, schlußendlich ist ‚Lulu‚ wahrhaftig das Beste geworden, was der Avantgarde Grenzgänger gemeinsam mit den Thrash-Metal Wegbereitern auf die Beine gestellt hat, bedenkt man die Ursprünge dieser unweigerlich falsch erscheinenden Kollaboration – Reed und Metallica schänden öffentlich die Velvet Underground Klassiker ‚Sweet Jane‚ und ‚White Light/White Heat‚ anlässlich der Feierlichkeiten zum 25 jährigen Hall of Fame Jubiläum. Auf die jeweiligen Discographien bezogen ist ‚Lulu‚ tatsächlich aber der größte Mist, den die beiden einst so richtungsweisenden Parteien jemals fabriziert haben – mindestens. Was bei vorhandenen Tiefpunkten wie ‚Load‚/‘Reload’/’St. Anger‚ oder der langweiligen Edgar Allen Poe Vergewaltigung ‚The Raven‚ (mitunter) auf der anderen Seite schon eine gewaltige Leistung darstellt. Ob es letztendlich besser gewesen wäre, wenn man sich an den ursprünglichen Plan gehalten und nur Songmaterial aus der Mottenkiste neu aufgenommen hätte, darf natürlich bezweifelt werden – wäre Lou Reed jedoch nicht ein Drama von Frank Wedekind über eine Tänzerin namens ‚Lulu‚ aus dem Jahr 1913 in die Hände gefallen, würde der Welt jedoch ein eineinhalbstündiger Exkurs über die katastrophalst mögliche Hochzeit von Kunst und Heavy Metal erspart worden sein, die in erster Linie Metallica die erst unlängst mit ‚Death Magnetic‚ weitestgehend wiedererkämpfte Reputation kostet.

Wer möchte, kann sich ‚Lulu‚ als Bastardgeburt von ‚The Raven‚ und ‚St. Anger‚ vorstellen, die schockierend stupide Voarabsingle ‚The View‚ kann dabei als Indikator des gesamten Albums herhalten: Metallica legen einen Teppich aus sich ständig wiederholenden, lahmen Riffabfolgen, die man vermutlich sogar in den 90ern in die Tonne gekickt hätte und Lars Ulrich darf sich dazu wiedereinmal als bestenfalls drittklassiger Schlagzeuger inszenieren, der die Becken bei jeder sich bietenden Gelegenheit über Gebühr strapaziert um seine einfallslosen ‚Uff-ta‘-Rhytmen zu überdecken. Was bis zu diesem Zeitpunkt wie die Darbietung einer seelenlos dahinsiechenden Söldner-Thrashband mit Hardrockambitionen klingt, erfährt gesanglich den Adelschlag zum bizarr-absurden Kuriositätenkabinett: Über allem nölt Lou Reed ärgerliche Peinlichkeiten in strapaziösem Sprechgesang, während Hetfield im Stadion-Refrain eine der seltenen Gelegenheiten ergreift um aus der zweiten Reihe zu treten und mit nicht nachvollziehbarer Inbrunst sinnentleerten Schwachsinn zu grölen: „I am the table!„.

Mit welch blinder Begeisterungswut Metallica und Lou Reed dieses lahmende Konzept auf überlange Albumlänge auswalzen, ringt dann gleichermaßen Respekt für solch bedingungslos konsequentes Stehvermögen ab, wie es hinsichtlich der schieren Unerträglichkeit der dargebotenen Kompositionen sprachlos macht. Man nehme nur die erste Minute der Platte her: Zarte, erdige Akustikgitarren spielen sich ein, Lou Reed übernimmt bald windschief (und dabei singt der Mann noch nicht einmal, sondern spricht einfach nur! Man stelle sich das bitte vor!): „I would cut my legs and tits off when I think of Boris Karloff and Kinski / In the dark of the moon / You made me dream of Nosferatu / Trapped on the isle of Dr. Moreau / Oh, wouldn’t it be lovely?“ (sic!) und plötzlich bricht der Song in voller Breitseite aus, die Verstärker drönen in Lynyrd Skynyrd-Nähe, die Drums scheppern billig (die ‚St. Angers‚ Ohrenkrebsproduktion lässt grüßen) und James Hetfield croont im patentierten Alrightaaaahhh-Hillbilly Stil: „Small-town girl!“ als würdem ihm die Eier platzen. Das ist nicht halb so episch, wie es klingen mag, sondern geradezu absurd lächerlich, gestelzt und peinlich berührend. Der erste unter unzähligen „Meinen die das wirklich Ernst?„- Momenten der Platte. Dass der Song danach gefühlte fünf Stunden ohne jegliche Veränderung exakt gleich weitergeht, macht die Sache natürlich nicht besser. Dabei hat ‚Lulu‚ durchaus seine Lichtblicke: Wenn ‚Little Dog‚ acht Minuten lang nett gemeintes Bluesgeblänkel anstimmt, dass wohl nur der zweckoptimistische Fan als atmosphärisch denn als enervierend bezeichnen wird. Oder den überlangen Schlußsong ‚Junior Dad‚, der tatsächlich zum annehmbarsten Song der Platte gerät – und sei es nur, weil neben einem meditativen Rockrhytmus und unendlichem Fadeout beinahe nichts passiert….zwanzig Minuten lang.

Irgendwann ist der zelebrierte Irrsinn dieses kruden Machwerks schlicht nicht mehr zu ertragen. Wer spätestens nach ‚Mistress Dread‚ – sieben Minuten lang das selbe Thrash-Riff, immer wieder und wieder und wieder und wieder und wieder;  Noiseeffekte im Hintergrundund und ein aufgekratzt altersmüder Lou Reed der seinen wahnsinnigen Sprechgesang mantraartig in die Länge zieht – nicht einfach seine Nerven wegschmeißt, dem ist vielleicht ohnedies schon alles egal. Würde jeder Song hier dreißig Sekunden dauern, wäre es eine anmaßende Zumutung – ausgewalzt auf die fetten Songmonolithen die schlußendlich daraus geworden sind, möchte man sich nur noch Bleistifte in die Ohren stecken, sich erhängen oder einfach aus dem Fenster springen um dieser Möchtegern-Kunst, diesem Rohrkrepierer einer mutigen Platte, diesem Kapitalverbrechen an der Musik entfliehen zu können. Lou Reed mag mit derartigen Dingen seit Jahren durchkommen und experimentelle Musik generell in aller Ehren – aber müssen Metallica Songs nun auch abseits von Kriegen als Folterwerkzeug dienen? Allen Ernstes?
Für wen außer sich selbst haben Lou Reed und Metallica diese selbstverliebte Platte nun also geschrieben? Diesen unbeweglichen Klotz inspirationsloser Musik und penetrant nervtötender „Gesang“parts. Ein Album, dass sich gerne als Avantgarde-Metal für Fortgeschrittene darstellen würde, letztendlich aber nur ein desaströs daneben gegangener Herzenswunsch der Musiker geworden ist, ein schlechter Scherz auf eigene Kosten, der einzig die Grenzen des schlechten Geschmacks neu absteckt. Würde ‚Lulu‚ nicht in seinen unzähligen Versionen auf die Geldbörsen der Fans schielen – man wüsste es schlichtweg nicht.

 

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Comments (2)

  1. (mad)8. November 2011 Antworten
    es gibt wohl nichts subjektiv (un)richtigeres als kunstkritik. einmal mehr lässt sich nicht über geschmack streiten. mir gefällt die platte. aber ich mochte auch schon die folterwerkzeuge re/load ganz gern 🙂
  2. Pingback: Metallica - Hardwired... to Self-Destruct 20. November 2016 […] polarisieren ja nicht erst seit Lulu. Auch Hardwired…to Self Destruct ist nun je nach Blickwinkel eine Rückkehr zur alten Form, […]

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