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Machine Head – Unto the Locust

Machine Head pulverisieren die vergangenen vier Jahre und knüppeln nieder, was nach dem bombastischen ‚The Blackening‘ noch stehen blieb.  ‚Unto the Locust‘ ist moderner Thrash Metal nahe der Perfektion – inklusive Geschmacksverirrungen.

Hand aufs Herz: mit einem derartigen Monster aus dem Hause Machine Head wie ‚The Blackening‚ hatten 2007 wohl die wenigsten wirklich gerechnet. Nie zuvor konnte Robb Flynn seine Vision eines modernen aber doch traditionellen, klassischen Thrash Metal Albums derart prägnant auf den Punkt bringen. Der überschlagende Erfolg – nicht nur Fans ließen ihre Köpfe bangen, vor allem auch Kritiker schlugen begeistert die Metal Fork in die Höhe – der Platte gab ihm Recht. Umso erstaunlicher, dass Flynn im Vorfeld ankündigte, auf dem Nachfolger wieder zu kürzeren, kompakteren Songs zurück finden zu wollen. Und auch wenn diesmal kein Song die zehn Minuten Marke knackt – im Grunde setzt ‚Unto the Locust‚ doch ganz genau dort an, wo ‚A Farewell to Arms‚ vor vier Jahren entlassen hat.

Bei sieben Songs in 49 Minuten macht ein durchschnittlicher ‚Unto the Locust‚-Song seine Sache nur unwesentlich schneller als jene von ‚The Blackening‚, und auch sonst bekommt der Fan, was mehr von dem präsentiert, was Machine Head schon auf dem Vorgänger so famos geboten haben: Wahnsinnig schnelles Schlagzeugspiel das alle Stückerl spielt; ausgeklügelte Gitarrenarbeit zum Niederknien, die jedem Thrash Metal Fans die Freudentränen in die Augen schießen lassen wird; Mitsingrefrains, die immer noch frappant von den knallharten restlichen Songparts abprallen; und natürlich wieder diese beinahe erdrückend fette Produktion, abermals bewerkstelligt von Robb Flynn himself, welche die Grenze von „zuviel des Guten“ mutwillig übertritt und damit doch auch den Sound der Band maßgeblich prägt. Dass ‚Unto the Locust‚ dennoch kein plumper Aufguss der vergangenen Großtat ist, dafür sorgen Machine Head selbst. Im Guten, wie im Schlechten.

Schon ‚I Am Hell (Sonata In C#)‚ macht dies unüberhörbar klar: Der Song beginnt mutig als A cappella Nummer von Robb Flynn. Dieser beschwört mit sich selbst als Background „Sangre Sani„, bevor der Song in eine schleppende Metalwalze verfällt und schließlich vollends aufs Gaspedal tritt, in bester Machine Head Manier unaufhaltsam melodiös dahinbrettert. Dass ‚I Am Hell‚ nach halber Laufzeit von einem atemberaubenden Gitarrenduell des Dreamteams Flynn/Demmel hinweggefegt wird – Ehrensache! Dass der Song danach noch episch wird – Atemberaubend!
Das Level des Openers wird dabei weitestgehend gehalten: ‚Be Still And Know‚ besticht durch famose Tapping-Arbeit und Dave McClain`s übermenschlich präzise rasendes Schlagzeugspiel -wieder einmal zeigen Machine Head, wieviel Metalcore dieser Band schuldet. Die Vorabsingle ‚Locust‚ wurde fürs Album noch einmal überarbeitet, zollt Metallica um ‚Master of Puppets‚ stilvoll Tribut und ist über seine siebeneinhalb Minuten moderner Thrash in Rein- und Bestform.

Mit ‚This is the End‚ schwächeln Machine Head jedoch erstmals leicht. Zwar rast der Song nach akkustischem Intro anfangs noch mit bestialischer Geschwindigkeit, trumpft mit messerscharfen Gitarrenduellen auf, doch geht der Refrain dann doch eine Spur zu weit. Zwar hat Robb Flynn dank Unterricht für ‚Unto the Locust‚ gesangstechnisch einen unwahrscheinlich großen Schritt gemacht, hier wagt er sich jedoch in zu ambitionierte Höhen vor, weswegen ‚This is the End‚ einen viel zu aufgesetzt theatralischen Anstrich bekommt. Gewöhnungsbedürftig dann auch ‚The Darkness Within‚: Hier arbeitet Flynn mehr denn je mit seiner facettenreichen Stimme vor der ungewohnt inszenierten Halbballade. Das funktioniert wirklich gut, nur weist der Song kompositorisch keine zündende Idee vor, genügt sich als exotische (Mehr-oder-Minder-)Neulandentdeckung. Da hilft auch der schlußendliche Ausbruch wenig. Dennoch macht ‚The Darkness Within‚ viel mehr richtig als ‚Pearls Before the Swine‚: Hier verlieren Machine Head die Linie vollends aus den Augen, schustern ein zielloses Stückwerk aus Melodien, Riffs und technischer Perfektion. Das gefällt zwar, fällt jedoch im direkten Vergleich zu den bisher aufgefahrenen Songs deutlich ab.
Das wahrlich dicke Ende folgt jedoch erst: ‚Who We Are‚ wartet mit Trompeten und peinlich pathetisch überladenen Text auf – und einem Kinderchor! Der Wille zur Weiterentwicklung in allen Ehren, aber ein Kinderchor?! Zumal das der zusätzliche Tropfen ist, der das Faß zum Überlaufen bringt, eine mehr als nur solide Nummer zur überladenen Schmonzette verkommen lässt, dessen letzte zwei Minuten man peinlich berührt guten Gewissens skippen darf. Nicht aufgrund der aufgefahrenen Streicher.

Womit ‚Unto the Locust‚ seine Sache – das Überwerk ‚The Blackening‚ zu beerben –  über weite Strecken außerordentlich gut bis schlichtweg brillant macht, sein herausragendes Material jedoch bereits in der ersten Hälfte verschießt – bis dahin jedoch tatsächlich ‚The Blackening‚ den Rang abzulaufen andeutet – und danach mit zweitklassigen Songs und leider auch Rohrkrepierer enttäuscht. An den Vorgänger reicht ‚Unto the Locust‚ allerdings leider nicht heran. Allerdings eben auch, weil Machine Head mutig genug sind, neue Wege einzuschlagen. Album Nummer Sieben ist ebenso eine kleine Enttäuschung, wie eine große Freude. Das gibt den momentanen Treiben von Metallica (mit Lou Reed) einen fetten Tritt in den Arsch, und unterm Strich reicht das immer noch spielend um bei der Speerspitze des Genres mitzurocken.

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