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Manchester Orchestra – Simple Math

Die fünfköpfige Kapelle aus Atlanta liefert die wahrscheinlich logische Weiterentwicklung ihres großartigen Durchbruchsalbums. Simple Math überzeugt zu Beginn mit gelungenem Standartprogramm, das die wenigen Schritt weiterdenkt, die ihnen die zusätzliche Aufmerksamkeit beschert hat. Danach lehnen sich Andy Hull und Co. zurück.

Deer“ harkt als zurückgenommene Akustiknummer zum Einstieg direkt beim abschließenden Mean Everything to Nothing Hidden Track „Jimmy, He Whispers“ ein, bettet den Einstieg in Simple Math sanft und gibt, wenn auch nicht das Tempo,  zumindest die Richtung vor. Ab „Mighty“ entern zwar wieder e-Gitarren das Manchester Orchestra und die Band lässt erstmals wieder die großen Trademarks durchscheinen, spielt ihren Indierock emotional und macht erstmals auf Simple Math Bekanntschaft mit Streichern. „Pensacola“ und „April Fool“ folgen dem eingeschlagenen Weg, sind Songs, wie man sie von Manchester Orchestra lieben muss und geben sich doch nicht ganz so himmelstürmend, wie man das nach Mean Everything to Nothing erwarten hätte können. Das ist guter Standard, aber eben auch eher Fandienst. Dabei spürt man: Für Simple Math hat sich was getan in Atlanta.

Tatsächlich finden die  Veränderungen auf dem dritten Album der Band im Detail statt. Etwa, dass die Band nun von so vielen Menschen unter die Arme gegriffen wird, dass das alles schon wirklich am Orchester vorbeischrammt, Geigen und sonstig Streicherinstrumente natürlich inklusive . Die tauchen verstreut über das ganze Album mal mehr, mal weniger dezent auf.
Dazu wirken Manchester Orchestra gefestigter, in sich gekehrter und besonnener. Andy Hull muss nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand, lässt seine Soloausflüge und Arbeiten mit  Kevin Devine auf sein kleines Orchester wirken. Dabei repräsentieren Manchester Orchestra immer noch die Schnittmenge, die sich wohl ergeben muss, wenn ein Pastorensohn, der nach näselnden Connor Oberst und emotional überladenen Isaac Brook zu ungleichen Teilen klingt, versucht mit seiner Band punkigen PostHardcore im Indieland zu spielen, aber darüber hinaus einfach nicht vergessen kann, dass in ihm nun einmal ein waschechter Singer-Songwritertyp mit Liebe zum Grunge steckt. Manchester Orchestra lassen sich damit immer noch nicht klar klassifizieren, außer als ausgefuchste Rocker mit dem Hang, ihre emotionalen  Hymnen immer ein wenig zu kauzig ums Eck zu spielen, um damit wirklich Erfolg zu haben.

Spricht man von Hymnen, hat man natürlich nicht vergessen, dass Mean Everything to Nothing solche in größerer wie kleinerer Version untergebracht hat. Auf Simple Math begnügt man sich mit wenigeren dieser Art.
Pale Black Eye“ ist jedoch wieder eine solche geworden. Da lehnen sich Manchester Orchestra zurück und holen mit orchestraler Unterstützung doch zur ganz großen Geste aus. Ebenso gelingt dies beim herzerweichenden „Titeltrack“ . Nur gleich nochmal eine ganze Nummer schöner. Eigentlich ist das ohnedies der bisher größte Gänsehaut Moment der Band.
Ebenso, wie „Virgin“ der wahrscheinlich simpelste Ohrwurm der Band geworden ist. Eine umwerfende Melodie und ein kleines Gitarrenriff genügen dazu. Und natürlich dieser  Kinderchor.  Und der Erwachsenenchor. Und eine Blaskapelle.
Ansonsten schalten Manchester Orchestra ein paar Gänge zurück, spielen zurückgelehnten Indierock im schüchternen Breitwandformat der sich auf der Veranda deutlich wohler fühlt als auf den großen Bühnen dieser Welt. Das hat nicht die überschwänglich herausscheinenden Songs vom Zweitwerk, dafür erweisen sich die zehn Songs auf Simple Math als weniger leistungsschwankende Teamplayer. So vermeidet Hull es, auf den selben Gipgel kletter zu müssen, es aber dennoch in gleiche  Höhen zu schaffen. Das klingt nach einem Kraftakt, der sein viertes Bandalbum auch gewesen sein muss.
Für Simple Math trieben Andy Hull Fragen, die ihn quälen. Fragen über rudimentäre Dinge, Beziehungen, Liebe oder Religion. Näher an Antworten als Simple Math wird er wohl nicht kommen.

 

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  1. Pingback: Typhoon - Offerings - HeavyPop.at 6. Februar 2018 […] durch dieses Szenario nun noch ergiebiger als bisher zur Abzweigung, die Manchester Orchestra nach Simple Math nicht in die Richtung der opulenten Kammermusik der Decemberists nehmen wollten; zur weihevollen […]

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