Neonliberal.at

Neonliberal.at

Mastodon – The Hunter

Die vier Elemente haben Mastodon abgehackt. Für Album Nummer fünf bleibt jedoch nicht nur die konzeptionelle Rahmenhandlung im Rückspiegel. ‚The Hunter‘ wirft jegliche Altlasten ab und markiert den wunderbar abgedrehten Neuanfang für die Amerikaner.

Das fängt bereits beim Albumcover an: Erstmals hat nicht Paul Romano Hand an die visuelle Ausrichtung der Band gelegt, stattdessen ließen sich Mastodon von Holzbildhauer AJ Fosik neue Bühnenbilder und eine abgefahrene Monster-Kuh fürs Albumcover designen. Ebenso auffällig: Die Produzentenwahl. Nach Szene-integren Leuten wie Matt Bayles oder Brendan O’Brien folgt nun also Mike Elizondo. Den kennt man eher von Fiona Apple, Alanis Morissette, 50 Cent oder Maroon 5. Deutlicher kann man es kaum machen: Mastodon schlagen mit ‚The Hunter‚ neue Wege ein.

Nicht zuletzt, sondern vor allem auch musikalisch. Dass das auf ‚Crack the Skye‚ perfektionierte Prog-Gerüst über Bord geworfen werden würde, war nach den zwei Vorabsingles wohl ansatzweise klar. ‚Black Tongue‚ erwies sich als händeringend hyperventilierender Metalsong, der auf fiese Sludgearbeit vor dem unnachahmlichen Krakenschlagzeugspiel Brann Dailors setzte und nach nicht einmal dreieinhalb plötzlich aus war. Allerdings nicht, bevor Mastodon nicht klassische Heavy-Metal-Soli in den Song rittern ließen. Noch abstrußer: ‚Curl of the Burl‚. Unheimlich schwer donnerten hier abgebremste Riffs in Alice in Chains Nähe zum vielleicht melodiösesten Songgerüst, dass Mastodon je geschrieben hatten. Das war irgendwie Grunge, irgendwie Metal und ja, auch irgendwie Pop. Ein Hit eigentlich, nur von Mastodon so zuletzt zu erwarten. Ein erschreckender Vorbote, irgendwie.

Wie sich nun allerdings zeigt, ein zwispältiger. Die beiden Songs eröffnen ‚The Hunter‚ und geben gleichermaßen die Richtung vor, wie sie auch auf den Holzweg führen. Denn einerseits ist ‚The Hunter‚ genauso krude und abgedreht geworden, wie es die beiden Singles vermuten ließen, im kunterbunten Kontext fügt sich das fünfte Mastodon Album jedoch zu einem weiteren Meisterstück moderner Metalmusik, obwohl sich keine klare Linie ausmachen lässt. Auch, weil ‚The Hunter‚ wie der irrwitzige Blick in eine neonhell blinkende Zukunft daherkommt. Denn der Gipfel des Skurrilen ist mit ‚Black Tongue‚ und ‚Curl of the Burl‚ keineswegs erreicht: ‚Stargasm‚ erzählt von Weltallsex und klingt in etwa wie die Metal-Entsprechung eines 30er Jahre Horrorfilms mit Aliens in den Hauptrollen. ‚Octopus Has No Friends‚ schwingt sich über gehirnschwangere Vertracktheit zur melodiösen Killerhymne auf, während ‚Bedazzled Fingernails‚ sich als Kampfansage verrückter Roboter entpuppen könnte. Oder als baldiges Role-Model für Pop-Metalsongs im kommenden Jahrtausend. Dagegen ist ‚Blasteroid‚ ist mit seinen stringenten zweieinhalb Minuten schon beinahe gradlinig und konventionell. Auch wenn der Refrain des monströsen Punk-Riffrockers von einer hyperventilierenden Drag-Queen auf Speed eingesungen worden zu sein scheint.

Es wird allerdings noch ausgefallener: Der Titelsong brütet ansatzweise balladesk über melancholische Melodien, das Mikro wandert – wie auf der gesamten Platte – im Sekundentakt zwischen den drei Lead-Sängern und passend dazu wurde der Gesang (auf Platte natürlich wieder nicht so unfassbar windschief wie bei Liveauftritten) von Mike Elizondo generell deutlich vor die Gitarren gemischt. Was das verrückte Gesamtbild der Platte nur noch verstärkt. Auch im außergewöhnlichsten – oder gewöhnungsbedürftigsten? – Track der Platte: ‚Creature Lives‚. Die Keyboardkomposition schwebt ungreifbar zwischen den Dingen und hat Pink Floyd verinnerlicht. Deswegen muss man sich erst durch ein Intro aus gesampelten Gelächter kämpfen, um sich daraufhin im kitschigsten Song der Mastodon Geschichte wiederzufinden. Troy und Brann singen gemeinsam im Spotlight über majestätisch in die Breite gezogene Soundwände, das Soli schreit „True“ und meint Hairmetal. Dagegen geradezu zugänglich der Schlusspunkt. ‚The Sparrow‚ baut sich gemächlich auf und gefällt sich als ruhiger Kontrast zur wilden Metalabfahrt, verzichtet jedoch nicht auf das krönende Solo. „Pursue Happiness with Diligence“ heißt es da und mehr braucht es nicht. Wann konnte man bis jetzt einem Mastodon Song schon ernsthaft unterstellen, wahrhaftig schön zu sein?

The Hunter‚ mutet an, wie ein gigantisches Mosaik – im Irrenhaus gebastelt. Ein Monolith ziellos im All schwebend. Mastodon lassen aufeinander prallen, was nicht zusammen kommen sollte und machen den schlechten Geschmack salonfähig. Weil die Band gleichermaßen größenwahnsinnig wie zielsicher zu Werke geht, werden da tatsächlich die Flaming Lips zur ersten Referenz. Obwohl das hier natürlich immer noch derb-technischer Metal ist. Der brutal abgeht, Tempolimits missachten kann, es aber selten will. Auf Geschrei wird deswegen zugunsten von nachvollziehbaren Melodien weitestgehend verzichtet. Mastodon nähern sich dem Metal damit aus einer ähnlichen Richtung, wie Torche dies schon lange tun. Und so ungewohnt es auch anfangs sein mag, steht Mastodon die neue, eingängige Schiene außerordentlich gut. Das ist vollkommen anders, als alles, was die Band bisher gemacht hat – und doch typisch Mastodon. Eine derart abgefahrene Mischung aus poppigen Passagen und vollkommen neben der Spur laufenden Beinahe-Prog muss man jedenfalls anderswo mit der Lupe suchen; da ist sonst niemand verrückt genug um etwas derartiges zu spielen. Vermutlich hätte man ein Album wie ‚The Hunter‚ bis vor kurzem noch nicht einmal Mastodon zugetraut. Auch wenn die vier virtuosen Wahnsinnigen immer schon gemacht haben, was sie wollten – nach diesem Album haben sie sich endgültig von jeglichen Erwartungshaltungen frei geschwommen. Von Mastodon könnte nun alles mögliche als nächste Platte kommen. Nach ‚The Hunter‚ heißt das vermutlich: wird es wohl auch.


[amazon_link id=“B005F908RQ“ target=“_blank“ ]’The Hunter‘ auf Amazon[/amazon_link]

Add a comment

Comments (2)

  1. Pingback: Feist / Mastodon – Feistodon - HeavyPop.atHeavyPop.at 22. April 2012 […] macht sich die Kanadierin Feist wiederum über ‘Black Tongue‘ von Mastodons ‘The Hunter‘ her. So krude diese Symbiose im Vorfeld auch erschienen sein mag, so kompromisslos […]

  2. Pingback: Mastodon - Cold Dark Place - HeavyPop.at 18. September 2017 […] EP deswegen zwar eindeutig nach Mastodon, fühlt sich aber nur bedingt danach an. Wer bereits mit The Hunter seinen Draht zu dieser nicht stehen bleiben wollenden Band verloren hat, wird hier wohl vor […]

Add a comment

Finde uns auf Facebook