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neonliberal meets…: Crippled Black Phoenix

Zum vollständigen Interview gehts hier.

Endzeitstimmung: Justin Greaves, Mastermind der britischen Band Crippled Black Phoenix, spricht über die endlich zustande gekommene Vinyl Umsetzung der beiden Meisterwerke Night Raider & The Resurrectionists, die bevorstehende Europatour und den Status Quo seiner Band im modernen Musikbusiness.

Irgendwann wird er dabei den Satz sagen, der sein ganzes Handeln vielleicht am besten zusammenfasst:
„I hope it all makes sense. It does to me anyway“

Für Justin Greaves scheint selten die Sonne. Meist herrscht gar tiefschwarze Nacht.
In der Musik, die er seit bald fünf Jahren mit seiner Mammutband Crippled Black Phoenix betreibt, ohnedies. Aber auch das Musikbusiness meint es selten gut mit der englischen Ausnahmeband. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich die Vinyl-Veröffentlichung des 2009er Doppelabums  Night Raider / The Resurrectionists immer wieder verzögert hat.
Zudem waren  Night Raider und The Resurrectionists selbst auf CD bisher nur als limitierte Box bestellbar, die Plattenfirma der Band hingegen begann eine Art „Best of“ der beiden Platten zu vertreiben – 200 Tons of Bad Luck. Aber selbst die angedachten Schallplattenversionen dieser Kompilation wurde nach vollmundigen Ankündigungen wieder gestrichen.
Nun also erscheinen Night Raider und The Resurrectionists endlich – für Greaves ein Schlussstrich unter eine leidvolle Angelegenheit.

Es hätte immer schon eine Vinyl Version des Albums geben sollen.“, so Greaves. „Ursprünglich dachten wir daran, 200 Tons of Bad Luck zusammen mit einer 10‘ rauszugeben, auf der sich das zusätzliche, unveröffentlichte Material befunden hätte. Damit hätte sich diese Version auch von der CD unterschieden. Aber natürlich hat das nicht hingehauen. Die Band hat das jedenfalls nicht entschieden.
200 Tons of Bad Luck, das regulär erhältliche, von der Plattenfirma als zweites Crippled Black Phoenix Werk vertriebe Album, war dabei laut Greaves ohnedies nie mehr als ein Kompromiss: „ Ich stimmte der Veröffentlichung von 200 Tons of Bad Luck zu, um die Doppel CD Box genehmigt zu bekommen. Die Plattenfirma meinte, ein Doppel CD würde sich nicht verkaufen. Vielleicht haben sie damit ja auch irgendwie Recht, auf der anderen Seite haben wir ihnen doch das Gegenteil bewiesen, die Box ist mittlerweile so gut wie ausverkauft. Was mich an der Veröffentlichung [von 200 Tons of Bad Luck – Anm.] aber am meisten stört, ist die Irritation, die sie hervorgerufen hat. Ich stand immer hinter der Idee, ein Doppelalbum zu veröffentlichen. Ich verstehe die Gründe, weshalb es [„200 Tons of Bad Luck“ – Anm.] erschienen ist, doch für mich macht es keinen Sinn. Die Songs stehen in keinem Kontext, es hat nicht die richtige Dynamik.

Über zwei Jahre hielt Greaves jedoch an der Platte fest, konnte schlussendlich eine Veröffentlichung in der von ihm favorisierten Form durchsetzen. Einen einfachen Zielsprint scheint es für Crippled Black Phoenix jedoch nicht geben zu können. Nachdem klar war, dass Night Raider und The Resurrectionists tatsächlich erscheinen würden, musste man das gesamte Artwork wieder über den Haufen werfen. Warum?
Ganz einfach. Der Typ, der das Originalartwork gemacht hatte, hat dem Label eine Rechnung geschickt und das Label hat sich geweigert zu bezahlen. Also hat der Typ die Dateien für das 12` Format behalten. Wir hätten zwar einfach abändern können, was wir besaßen, doch hätte sich das nicht richtig angefühlt.  Also schien es am besten, gleich etwas komplett Neues zu bringen. Mittlerweile habe ich mich auch mit dem Gedanken an das neue Artwork angefreundet, da die CD Veröffentlichung schon so lange zurück liegt ist und das Ganze sich so auch wie ein vollkommen neues Release anfühlt.“ Dennoch: wäre es nach der Band gegangen, hätte das Label den Künstler ordnungsgemäß bezahlt und das Vinyl Release würde mit dem ursprünglichen Artwork erschienen.
Hätte, wäre, würde.

Allen Widrigkeiten zum Trotz hat die verspätete Veröffentlichung der beiden Alben jedoch auch  positive Aspekte mit sich gebracht. Ärgerliche Fehler typographischer Art etwa konnten endlich ausgemerzt werden – im Booklet der CD Fassung von The Resurrectionists tauchte der Albumtitel in verschiedenen Schreibweisen auf. Ein Fakt, der Fans sogleich über eine tiefere Bedeutung dessen diskutieren ließ. Unnötigerweise, wie Greaves klarstellt: „Das war einfach ein Fehler. Der Text war handgeschrieben und niemandem ist der Fehler aufgefallen, bis die CD bereits produziert war. Da war nichts mehr zu machen.
Vor allem aber konnte man den zusätzlichen Platz, den die beiden Doppel Vinyl Alben bieten, sinnvoll nutzen: insgesamt sieben Bonus Tracks versammelt die Vinylveröffentlichung. „Ich denke, das ist gut für die Fans, die unsere Platten kaufen. Außerdem hätte es sich wie ein wenig wie ein bloßes Rip-off angefühlt, hätten wir bloß dieselben Songs [wie auf der CD Version – Erg.] draufgepackt. Es geht darum, dem Fan mehr für sein Geld zu geben.
Fraglos ist dies der Fall. Songs wie „A Mouthfull of Secrets“ oder „The Ballad of Richard Greyson“ gehören mit zum Besten, was man bisher von der Band hören durfte – eine Schande, wären diese Songs weiterhin bloß als Download in der eigenen Bandcamp Seite erhältlich gewesen.
Dazu gesellen sich auf The Resurrectionists zu einer Kollaboration (Just Like a Mexican Love mit David Eugene Edwards von 16 Horsepower und Woven Hand am Mikro) auch drei Coversongs: Let Me Put My Love Into You (AC/DC), Run Like Hell (Pink Floyd), sowie Greaves Favorit Physical (You’re so) von Adam & The Ants.
Trotz dem Service an den Fans ein zweischneidiges Schwert für Greaves: „Ich höre mir die Platten nicht mehr an, denn täte ich es, hätte ich eventuell Probleme damit, dass einige dieser alten Songs jetzt veröffentlicht werden. Die Dinge haben sich seit damals zwar nicht wirklich verändert, aber ich möchte einfach nach vorne blicken. Ich stehe absolut hinter allem, was wir je aufgenommen haben. Tatsächlich habe ich, wenn ich auf ältere Songs zurück blicke Lust, diese mit all dem Wissen und der Erfahrung, die ich heute habe, noch einmal aufzunehmen. Tun würde ich dies aber niemals, repräsentieren sie Songs doch auch, wer ich war, als ich sie schrieb. Man muss die Dinge auch loslassen können. Es ist toll, das die Alben endlich auf Vinyl erscheinen, doch ich habe mich weiterentwickelt, die Band als Ganzes hat sich weiterentwickelt. Das Wichtigste ist also, ein neues Album aufzunehmen.

Da trifft es sich ja ganz gut, dass die Band Anfang des Jahres einige interessante  Projekte angekündigt hat.
Sehr spannend klang etwa die Idee, einen Konzertmitschnitt vom Invada Invasion Festival zu veröffentlichen. In der Colston Hall in Bristol wurde Crippled Black Phoenix vom 24 köpfigen Emerald Ensemble Orchestra unterstützt, eine CD/DVD Version des Abends war in Planung. Doch, man kann es erahnen: diesbezüglich gibt es mittlerweile Komplikationen.
Wir versuchen gerade, die Aufnahmen wieder in die Finger zu bekommen. Es gab Gespräche mit Invada, die Aufnahmen zu veröffentlichen, aber jetzt möchte ich die aufgenommenen Daten und das Viodeomaterial einfach nur noch zurück haben. Es ist so verdammt idiotisch: da existieren Mitschnitte von solch einer grandiosen Show, wir möchten diese benutzen, und dann heißt es dann, sie wären einfach verschwunden. Aber ich denke nicht, dass das die ganze Wahrheit ist.
Besser sieht’s dagegen für die Mitarbeit beim zweiten Teil des Jeffrey Lee Pierce Projects aus. Beim ersten Teil versammelten sich zahlreiche namhafte Musiker (unter anderem Debbie Harry von Blondie, Nick Cave oder Mark Lanegan) um dem verstorbenen Gun Club Mastermind Jeffrey Lee Pierce Tribut zu zollen, bei der erneuten Auflage werden Crippled Black Phoenix wieder mit von der Partie sein. Der vorgesehene Song ist bereits aufgenommen, abermals wird ein Gastsänger darauf zu hören sein. Genaues über die mysteriöse Kollaboration will Greaves aber noch nicht verraten. Damit bleibt Raum für Spekulationen, ob der seit langem laufende Gedankenaustausch mit Converge´s Jakob Bannon endlich Früchte getragen hat.
Ebenso darf spekuliert werden, auf welchem Label das kommende Crippled Black Phoenix Album erscheinen wird: „Wir stecken gerade zwischen verschiedenen Labels fest, nichts steht wirklich fest. Noch ist da niemand, der unser Album sicher veröffentlichen wird. Es gab mehrere Gespräche, aber alles dauert derartig lange, ein weiterer frustrierender Aspekt des Musikbusiness. Aber es gibt zumindest 14 Demos und zahlreiche weitere Ideen, die ich habe. Nur bald muss ich diese auch einmal aufnehmen, bevor ich noch verrückt werde. Einen neuen Song wird es aber zumindest auf Tour schon zu hören geben.

Auf eine solche werden sich Crippled Black Phoenix in Kürze übrigens wieder quer durch Europa begeben. An einigen Abenden werden sie dabei von den Master Musicians of Bukkake unterstützt werden, einer Art Supergroup aus Seattle. „Wir touren zwar nicht wirklich mit den Master Musicians of Bukkake, aber wir werden ein paar Shows zusammen spielen. Darauf freue ich mich schon wirklich, ich wünschte es wären mehr.“ Nicht immer ist das so. „Ich wähle immer gerne selber aus, wer uns supportet. Vor allem, weil ich viele Freunde habe, die in großartigen Bands spielen und mit denen ich gerne die Bühne teile. Meistens bekommen wir aber erst beim Auftrittsort mitgeteilt, wer unsere Vorband ist. Auf diese Art lernen wir jedoch auch immer wieder tolle Bands kennen. Die einzig negative Seite daran, Support Bands nicht selbst auswählen zu können, besteht darin, immer in diese Postrock-Schublade gesteckt zu werden. Und diesbezüglich ist eine ganze Menge Scheiße da draußen unterwegs, das kann ich dir sagen.
Dabei wären es noch Luxusprobleme, sich bloß um Supportfragen sorgen zu müssen. In Wirklichkeit sieht es auch auf Tour für Crippled Black Phoenix düster aus.
Cellistin Charlotte “Chipper“ Nicholls etwa kann die Band nicht mehr auf Tour begleiten, dazu kommt ein altes, für eine Band mit derartig namhaften Mitgliedern in ihren Reihen unverständliches Problem: Sie werden nicht gebucht.
Es ist wirklich frustrierend und ärgerlich. Es ist wirklich eine Schande, das Chipper diesmal nicht mit uns touren kann. Sie ist immer noch Teil der Band, doch mussten wir für die Tour einen Ersatz finden, was wir auch taten und bisher läuft alles großartig“. Weit weniger großartig sieht die Situation aber hinsichtlich der immer wieder auftauchenden Löcher im Tourplan aus: „Das liegt an den Booking Agenten und Promotern. Wir haben kein Management, dass sich um so etwas kümmert. Aber ich denke auch, dass Probleme bloß die schwanger gehenden Mütter von Lösungen sind. Ich habe zu viel von mir in diese Band gesteckt und egal, wie schwierig die Dinge noch werden, ich werde weiterkämpfen und meine Band nicht unterkriegen lassen. Ich hoffe ohnedies, dass sich noch Alles zum positiven wenden wird. Das muss ich, denn es wäre zu spät, die gesamte Tour wieder abzusagen.

Immer wieder lässt sich bei Greaves der unbändige Wille beobachten, allen Widrigkeiten die Stirn zu bieten. All den Jahren im Musikgeschäft, die er auch hinter den Schlagzeugen zahlreichener namhafter Bands verbracht hat, haben ihre Spuren hinterlassen. Man merkt ihm seine Wut auf das Musikbusiness mit jedem Satz an. Die wenige Aufmerksamkeit, die Crippled Black Phoenix bekommt, bezieht sie immer noch aus großen Stücken aus dem Namedropping um die Band. Immer noch fallen gerne die Namen Mogwai, Portishead, Electric Wizard, Pantheist oder Gonga, wenn von Crippled Black Phoenix die Rede ist, dabei spielen schon lange keine aktuellen Mitglieder dieser Bands mehr bei dem englischen Rockkollektiv. Dabei würde sich natürlich schon alleine vermarktungstechnisch einiges ändern, wenn Greaves nicht  vehement gegen diese Stigmatisierung ankämpfen würde. Er macht keinen Hehl daraus, dass er nicht bereit ist, seine Band zu prostituieren, um den Regeln des Spiels folgen zu können. Der Mann glaubt an das, was er macht.
Ich bin sehr frustriert, was die Art angeht, wie die Musikindustrie funktioniert. Sicherlich trage ich auch selbst Schuld daran, wie die Dinge laufen, weil ich nicht bereit bin, permanent Kompromisse einzugehen. Aber ich denke mir: Warum sollte ich? Crippled Black Phoenix ist keine große, populäre Band, aber wir haben dieselben Ansprüche, wie es größere Bands haben. Wir sind keine Kids mehr, das Durchschnittsalter der Band ist um die 40. Wir sind zu 8 in der Band, wir haben einen Soundtechniker und einen Fahrer. Wir können´s nicht mit weniger Leuten angehen, wir werden nicht in Nightlinern chauffiert und wir verdienen nichts, weil alles so teuer ist. Für Bands wie uns ist es schwierig, auf Tour nicht noch Geld zu verlieren.“
Warum also das Alles? Macht man sich da nicht Gedanken, alles sein zu lassen?
„Darüber bin ich mit mir selbst im Zwiespalt. Ein Teil von mir denkt tatsächlich, warum das Alles, wenn man nicht einmal dafür bezahlt wird? Aber ein anderer Teil denkt: Warum sich geschlagen geben? Warum sollten wir nicht auf Tour gehen? Wir sollten alle Probleme aus dem Weg räumen, dem Publikum tolle Shows liefern. Trotz allem sind wir Musiker. Wir spielen in einer Band und das ist nun mal was Bands machen. Wenn es um die Wertschätzung geht, darüber mache ich mir keine Gedanken. Natürlich kämen mit zusätzlicher auf uns gerichtete Aufmerksamkeit auch einige Dinge, die das Leben einfacher machen würden. Ich könnte zum Beispiel meine Miete bezahlen.
Abseits der Zuwendung der großen Plattenfirmen ist es für Bands, die nicht versprechen das nächste große Ding zu werden, hart geworden zu überleben.
Die Welt, in der Crippled Black Phoenix versucht zu existieren, hat sich stark verändert und ich bin mir nicht sicher, ob wir in diese neue Welt passen. Wir sind nicht trendy, aber das bräuchte es, um dieser Tage Unterstützung zu erfahren. Solange es einen Weg gibt, wie wir überleben können, bin ich zufrieden. Ich suche nicht nach Aufmerksamkeit und ich tue mir schwer damit, diese Band zu verkaufen. Denn das ist nicht mein Job. Ich mache Musik und das ‚Business‘ kann dabei zur Hölle fahren!

Seine Kunst über alles andere stellen. Viele Musiker dreschen dies als bloße Phrase, Justin Greaves aber lebt danach. Manch einer mag so viel Idealismus in der heutigen Zeit Wahnsinn nennen, doch lässt es einen ehrfürchtig zurück, wie strikt der Engländer seinen Prinzipien  treu bleibt.
Der Mann lässt lieber sein Herz bluten, als seine Seele zu verkaufen.
Und man hört Crippled Black Phoenix das Herzblut an, das Greaves und seine sieben Mitstreiter  in ihre Musik stecken, jeder Sekunde. Egal, ob man das nun Post- oder Prog- oder Classic Rock nennt; Crippled Black Phoenix passt nicht in Schubladen. Und wahrscheinlich noch nicht einmal in´s Musikbusiness an sich.
Doch was diese Band macht ist echt, ist wahrhaftig. Das ist es, was schlussendlich zählt.
Damit mag für Greaves und seine Band zwar selten die Sonne scheinen. In der tiefschwarzen Nacht einer schnelllebigen, seelenlosen Musiklandschaft werden Crippled Black Phoenix dadurch aber zu einem Leuchtfeuer der Integrität.
Und heller strahlt beizeiten niemand.

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