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Nick Cave – The Death of Bunny Munro

The Death of Bunny Munro Cover‚And the ass saw the angel‘ war die geballte, in Prosa verpackte Kraft eines schwer heroinabhängigen Nick Cave. Nach seinem erschreckend irren Erstling kam lange nichts, als Musik und der Entzug, der ihn rettete. Bis Cave sich 2009 wieder auf das literarische Parkett wagte und vielen Autor_innen zeigte, wo der Hammer hängt. Bunny Munro war geboren um zu sterben.

Der Schönheitsprodukte-Vertreter Bunny Munro hat ‚game‘. Er ist der fleischgewordene Verführer auf Alkohol, Drogen und Schlaftabletten. Die ganze Region um das englische Brighton bereist er. Weil er der Beste ist. Ob es da jetzt um Sex oder Verkauf geht, ist ihm egal. Am Besten ist beides in Kombination. Und wenn die Klientin einmal nicht will, oder gar hässlich ist, holt Bunny sich eine Prostituierte. Das Problem dabei ist nur seine Frau, die mit schweren Depressionen zu Hause bei ihrem gemeinsamen Sohn Bunny junior, darauf wartet, dass ihr Mann nach Hause kommt und sie an seiner Kleidung riechen kann, um heraus zu finden ob er wieder mehr als nur auf Verkaufstour war.

So in etwa lässt sich der Einstieg in Nick Caves zweiten Roman zusammenfassen. Was darauf folgt, ist grausam: als Bunny, nachdem er wieder einmal Sex mit einer Kellnerin hatte, nach Hause fährt, ist seine Frau Libby tot. Selbstmord, sie hat sich getrieben von Depression und Verzweiflung  über das Leben und die Ausschweifungen ihres Mannes erhängt. Ein Ereignis, das den Tod des Bunny Munro einleitet und ihn und die Leser_innen doch warten lässt. Schon der Titel verrät das Ende des Buches, aber der Trip bis dorthin ist eine herzzerreißende Geschichte über Versagen, Liebe, Geilheit und Wahrnehmung. Bunny Munro führt die Linie der unsympathischen Helden Caves fort, er ist der fleischgewordene, notgeile Unsympath. Ein Mensch, wie wir ihn in Realität jederzeit mit gutem Gewissen hassen könnten.

Doch das, was im Laufe der Geschichte mit ihm passiert, lässt einem Bunny Munro ans Herz wachsen. Die Geschichte von seinem Tod ist zeitgleich eine der entdeckten Liebe zu seinem Sohn, wie er mit seiner Sexsucht umgeht und durch brodelndes Schuldgefühl entdeckt, wie sehr er seine Libby denn geliebt hat. Ein Schuldgefühl, welches ihn immer mehr der Realität entreißt, weil es ihn in Depression und noch mehr in den Alkohol treibt. Und als er entdeckt, dass all das nicht hilft und Bunny junior den drohenden Stoß in den Abgrund zu geben scheint, zerreißt es ihm fast das Herz.

Bunny Munro ist kein Held, er wird auch im Laufe der Geschichte keiner. Doch er wird menschlich. So menschlich, wie wir einen notgeilen Vertreter nicht haben wollen. Während seine Nase bricht und seine ehemals immens gutaussehende Schmalzlocke ihm nur noch wie ein benutztes Kondom ins Gesicht hängt, erkennen wir mit ihm, wie grausam er doch zu sich und vor allem zu seinem Sohn war. Was er alles in der von seiner Seite her kaum erfolgten Erziehung versäumt hat und die Sorge, was nach ihm kommt.

Am ergreifendsten sind wohl die Passagen, in denen wir den Verlauf der Geschichte aus Bunny juniors Blickwinkel folgen. Der etwas komisch wirkende Junge, der immer zu in einem Lexikon liest, scheint in heldenhafter Verehrung für seinen Vater nicht zu erkennen, was passiert. Sicher ist er sich nur darüber, dass er seine Mutter, die beiden immer wieder als Geist zu erscheinen scheint, vermisst.

The Death of Bunny Munro ist kein literarisches Meisterwerk. Nick Cave schreibt Bücher wie Songtexte. Hart in der Sprache und manchmal etwas pathetisch, doch man hat immer das Gefühl, dass Cave tief in die Seele der Menschen blickt. In die Seele eines Menschen, der seine erst finden muss.

Klemens

Das Licht der Welt erst 1991 erblickt und schon so bitter.

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