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Noel Gallagher’s High Flying Birds – Noel Gallagher’s High Flying Birds

Endlich legt der vermeintlich talentiertere Bruder der ehemaligen Oasis-Chefetage nach -und es kam so, wie es wohl kommen mußte: Wie ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‘ schlußendlich klingt, kann man sich wahrscheinlich auch ausmalen, ohne einen Ton der Platte gehört zu haben.

Es dürfte Noel Gallagher schon klar gewesen sein, dass man sein Debütalbum als Quasi-Solist nicht nur an seiner Oasis-Vergangenheit reiben würde, sondern auch in Hinsicht auf das durchwegs überraschend gut gelungene Beady Eye Erstlingswerk ‚Different  Gear, Still Speeding‚ genauer unter die Lupe nehmen würde – was beiderseits natürlich zulässig ist, wie ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ nun erwartungsgemäß bestätigt. Grundsätzlich scheint das dem Britpop-Mastermind aber ohnedies egal gewesen zu sein, zieht man die geradezu verpflichtende Megalomanie in Betracht, mit der Noel sein wandelndes Jefferson Airplane / Fleetwood Mac Tribut in Band- und Albumnamenform angekündigt hat. Der Mann scheint sich sicher, aus dem langen Schatten seiner Vergangenheit treten zu können – beeilen wollte er sich dabei jedoch nicht. Was spätestens bei der Veröffentlichung der Vorabsingle ‚The Death Of You and Me‚ fest stand: Wirklich aus seiner Haut kann Noel nicht. Ganz so sehr nach Oasis wie Beady Eye klingt er dabei dann überraschenderweise aber auch nicht.

Ob man ‚The Death Of You and Me‚ nun schlicht als feistes ‚The Importance of Being Idle‚ – Ripoff oder als traditionellen Noel Song in klassischer Tradition bezeichnet, bleibt grundsätzlich Auslegungssache. Auch, wenn der ältere Gallagher Bruder mit ‚Soldier Boys And Jesus Freaks‚ und vor allem dem feisten ‚The Death Of You and Me‚-Rippoff ‚Dream On‚ – welches nicht einmal die schon bekannte, abschließend einmarschierende New Orleans Zirkuskapelle ausspart und darüber hinaus zum einzig schwächelnden Song der Platte wird – zwei beinahe schockierend ident stampfende Songs nachliefert. Da mag Noel auch mit zurückgenommenen Liedgut ala der zweiten Single ‚If I Had a Gun…‚ kokettieren: Im großen und Ganzen ist ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ ebenso ein solides bis überdurchschnittliches Pop-Rock Album wie ‚Different Gear, Still Speeding‚ geworden. Ebenso an der Klasse großer englischer Bands geschult und vor allem natürlich an Oasis selbst. Nur muß sich Noel eben mit anderen Erwartungshaltungen herumschlagen.

Weswegen ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ nun vielleicht auch weder der angekündigte, noch der erwartetete ganz große Wurf geworden und dennoch der knappe Sieger nach Punkten im Bruderzwist ist – sofern man diesen sucht. Dann findet man eine Rockplatte, die nach Oppulenz und breiter Größe strebt, wo Liam sich in glaubwürdiger Vergangenheitsliebe zu den 50ern und 60ern suhlt. Wo anderswo schon mal breitbeinig dem Proletariat eingeheizt wird, gefällt sich ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ als gleichermaßen ausladende wie reduzierte Songsammlung. Psychedelih wird ausgeklammert, der Scheinwerfer auf reich instrumentierten Pop mit dezenten Folkcharakter gerichtet. Streicher und fette Chöre wie in ‚(I Wanna Live In A Dream In My) Record Machine‚ sind keine Seltenheit, eine Kunst ist aber, die versammelten Zutaten so zurückhaltend zu inszenieren, dass diese nur als beiläufige Randnotiz wahrgenommen werden. Dabei schwelgt Noel mit seinem Mitstreitern Mike Rowe, Lenny Castro und Jeremy Stacey in einem Zustand permanenter Melancholie; ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ ist ebenso abgeklärt und sich seiner Stärken bewusst, wie die Platte geradezu schüchtern unspektakulär aber einnehmend nett Erwartungshaltungen von hinten aufrollt. So kann etwa ‚AKA… What a Life!‚ mit pianogestützter Tanzbarkeit gefallen und mit trauriger Atmosphäre begeistern, Richtung New Order zeigen, aber Robbie Williams zitieren und trotzdem nicht aus dem Konzept klassischer Rocksongs fallen. ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ wird dominiert von simplen, sturen Rhythmen und beschwingten Akustikgitarren, die elektrische spielt eine untergeordnete Nebenrolle. Von sanften Orgeltupfern und vereinzelten Bläserarrangements. Ein der Tradition verbundenes Album, das zu keiner Sekunde altbacken wirkt. Und ist so wohl zum logischsten Debütalbum eines Mannes geworden, der in den 90ern elektrisierende Musikgeschichte mitgestaltet hat und zuletzt als famoser Solokünstler alleine mit seiner Klampfe umhergezogen ist.

Die Crux dieser Platte – so es sie denn gibt – bringt wohl der aufsehenerregende Schlußsong des Albums am besten auf den Punkt: ‚Stop the Clocks‚ geistert schon seit Jahren als Oasis Nummer durch den Äther, hat dem letzten ‚Best of‚ der Band gar seinen Namen gegeben und galt bis dato als potentieller Killersong, dem bloß noch das letzte Quäntchen Genie zur Meisterleistung fehlt. ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ zeigt das Stück nun als sehr gute Rocknummer, nach bekanntem Schema. Alles an dem Song kommt einem bekannt vor, alles gefällt bedingungslos, nichts aber macht ihn wirklich herausragend. Schlußendlich findet man das bedingungslos toll, zurück bleibt aber die Frage: War das nun wirklich schon alles?
Auch, weil die finalen vierzig Sekunden des Ausbruchs im Keim erstickt werden und der Spuk schon wieder vorbei ist, bevor er subjektiv empfunden richtig begonnen hat, bevor das vorhandene Potential vollständig ausgeschöpft wurde. Ein Song, der symptomatisch für das Gesamtwerk ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ hergenommen werden darf. Praktisch ohne Ausfall liefert der ehemalige Oasis-Chef ein überdurchschnittlich gutes Rockalbum, inklusive vereinzelter augenscheinlich unauffälliger Hits und reichlich potentieller neuer Lieblingssongs. Wenn schon nicht für die Ewigkeit, dann fürs Jetzt. Das einzige Problem, das ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ deswegen hat, ist die Erwartungshaltung und die grundsätzliche Herangehensweise des Hörers an das Album. Noel wird´s egal sein – ist ja nicht sein Problem. Aus dem langen Schatten seiner Vergangenheit kann er damit zwar nicht vollends treten, aber hiernach überlegt man es sich mindestens zweimal, Oasis noch eine Träne nachzuweinen.

 

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Comments (1)

  1. Pingback: Noel Gallagher's High Flying Birds - Who Built the Moon? - HeavyPop.at 24. November 2017 […] war. Soll heißen: Alles eine Sache der Bemessungsgrundlage. Denn mögen die Gewichtungen sich nach Noel Gallagher’s High Flying Birds und Chasing Yesterday auch merklich hin zu mehr Beats, transzententalem Wabbern und Experimenten im […]

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