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Okkervil River – I Am Very Far

Will Sheff sucht drei Jahre nach The Stand-Ins neue Ansätze für Okkervil River. Dafür ließ er seine Bandkollegen in mehreren Studios quer durch die USA antanzen und bastelte mit John Congleton aus den zahlreichen Aufnahmen ein Album.

Anfangs gibt sich das sechste Okkervil River Album passend zu seiner Entstehungsgeschichte auch derart zerfahren. Man bewegt sich nicht weit von den Songs, die die Band groß gemacht haben, doch iIn der ersten Albumhälfte springt Sheff programmatisch zwischen rockigem Indie und rockigem Folk hin und her. Sucht mal getrieben aber erfolglos nach Erlösung in nach vorne stampfenden Songs, wie sie auch auf The Stage Names nicht unangenehm aufgefallen wären, nur um gleich wieder ein einen Gang runter zu schalten, alles etwas gemütlicher angehen zu lassen und die relaxt gen Folk zu klampfen.
Dazwischen parkt er mit Piratess gar frech den vielleicht größen Ausreißer der Platte, ein Ausflug Sheffs in eine entrückte Discoparalellwelt. Befremdlich, aber soundtechnisch vielleicht das bisher sexieste Stück Musik der Band.

Was die Platte bis dahin, neben der geradezu Bauklotzartigen Songreihung,  als roten Faden vorzuweisen hat: Massenhaft Todesfälle.
Sheff schlachtet sich durch seine Songprotagonisten, dass einem angst und bange werden könnte, wüsste man nicht, dass der Okkervil River Vorstand beim Songwriting für I Am Very Far auf die “Cadavre Exquis“ Methode baute.
Die Lust zum lyrischen Gemetzel bleibt der Platte auch über die zweite Albumhälfte erhalten, songtechnisch schleicht sich jedoch ab dem überwältigend schönen „Hanging from a Hit“ Konsistenz ein. Überhaupt bildet der Song in seiner pianolastigen und orchestral ausufernden Anmut den Dreh und Angelpunkt der Platte, zieht alle nachfolgenden Stücke bis zur finalen Großtat The Rise in einen Strudel wohligen Schönklanges. Nicht nur Dank dem Einsatz unzähliger Instrumente sind da sogar Momente zu finden, in denen Okkervil River dezent Paralellen zu Fleet Foxes aufzeigen.

Der zu Beginn der Platte noch wacker durchschimmernde Indie- wird so auf Dauer vom Folkrock überlagert. Ein zerrissenes Werk, scheint es. Anfangs. Denn I Am Very Far ist ein klassischer Grower geworden. Was anfangs noch zusammengebastelt erscheint – wie es tatsächlich auch ist – entwickelt nach und nach eine durchdachte Dynamik. Mag die zweite Albumhälfte in ihrer Schönheit die erste auch in den Schatten stellen, es wächst doch  zusammen, was offenbar nicht immer zusammengehörte. Da zeigt sich auch die eigentliche Großtat Sheff´s, nämlich die produktionstechnische: Auf I Am Very Far tummeln sich auf zahlreichen Spuren noch mehr Instrumente, da gibt es immer wieder neues zu entdecken und lieben zu lernen. Was zum zusammengeflickten Stückwerk geraten hätte können, wird zum grandiosen Großen und Ganzen. Vor allem aber wirkt das sechste Album von Okkervil River dadurch auch immer noch – trotz oder gerade wegen Sheff´s dominanter Führung? – wie eine Bandplatte.
Die Befürchtung, das I Am Very Far das unschlüssige Schicksal von The Stand-Ins teilt, bewahrheitet sich deswegen auch nicht. Nachdem Okkervil River mit dem großen Durchbruch doch auch ein wenig ihre Unschuld verloren hat, ist es Sheff gelungen, die Zukunft wieder spannend erscheinen zu lassen.


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  1. Pingback: Okkervil River - Away - HeavyPop.at 12. September 2016 […] River ziehen damit noch weiter „Very Far“ und „Away“ als jede bisherige Okkervil River-Reise, öffnen das Kopfkino mit […]

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