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Opeth – Heritage

Die längste Zeitspanne zwischen zwei Alben ist an Opeth nicht spurlos vorüber gegangen. Auf dem zehnten Studioalbum im zwanzigsten Bandjahr denkt Mikael Åkerfeldt die Progansätze seiner Band zu Ende und kehrt den Death Metal aus dem Sound. Für ‚Heritage‘ erfinden sich Opeth als Progrock Band neu.

Angekündigt hat sich diese Veränderung ja. Nicht erst mit dem 2008er Album ‚Watershed‚, diesem Zwitterwesen des progressiven Metals, und nicht nur aufgrund Opeth´s langjähriger, tiefer Verbundenheit mit Porcupine Tree Mastermind Steven Wilson, der für ‚Heritage‚ auch den finalen Mix besorgt hat (und somit mitverantwortlich für den wunderbar erdigen Gesamtsound ist). Opeth waren immer schon mehr als die progressive Death Metal Band, unter deren Etikett man musizierte und dessen Grenzen man gleichzeitig ignorierte. Der Schritt, den Åkerfeldt und seine Gefolgschaft auf ‚Heritage‚ wagen, ist somit kein vollends überraschender, musikalisch jedoch ein gewaltiger und nicht zuletzt kommerziell ein mutiger. Wer nach dem Bände sprechenden, 70er affinem Fantasy-Albumcover und der dazugehörigen ersten Single ‚The Devil´s Orchad‚ noch Zweifel hegte, den belehrt ‚Heritage‚ auf Albumlänge eines besseren: Opeth im Jahr 2011 sind nicht mehr die Band, die seit neun Alben die Metalwelt mit Wunderwerken in Verzückung versetzt hat.

Dabei handelt es sich nicht um Feinjustierungen, Mikael Åkerfeldt macht Nägel mit Köpfen und lässt keinen Stein auf dem anderen. Erstmals seit ‚Damnation‚ verzichtet Åkerfeldt auf jegliche Growl-Parts und beschränkt sich auf seine wunderbare cleane Gesangsstimme. Das Songmaterial an sich hätte nichts anderes zugelassen: ‚Heritage‚ vernachlässigt heavy Riffs und harte Passagen, tatsächlich muß man hier nicht einmal mehr von Metal sprechen. Stattdessen dominieren Jazzrhytmen unter akkustische Folkgitarren, über die Stille pinseln Opeth immer wieder progressive Rockausbrüche, lassen E-Gitarren schwülstig über wallende  Keyboardflächen heulen und schrecken in ‚Famine‚ selbst vor wirren Flöteneinsatz nicht zurück. Die Songs fließen dabei uferlos ineinander über und bieten in ihrer strukturoffenen Grenzenlosigkeit und instrumental unfassbar versierten Vertracktheit wenig Reibungsfläche. Opeth-Songs waren schon immer komplex, schwerer ergründlich eventuell noch nie. Und dennoch bleiben dabei immer greifbar, der druckvolle Sound der analogen Aufnahme tut sein übriges.  ‚Heritage‚ gereicht in seiner samtweichen Härte den 70ern zu allen Ehren, die ersten Referenzpunkte reichen über die unvermeidlichen Porcupine Tree und The Mars Volta bis hin zu King Crimson, Jethro TullQueensryche und Eloy.

Den Rahmen für diese imposante Verneigung vor einem gesamten Jahrzent bilden dafür rein akkustische Songs, die zu ähnlichen Zielen über unterschiedliche Wege kommen. ‚Heritage‚ verlässt sich als Opener ausschließlich auf melancholisch-majestätische Pianoakkorde und eröffnet ebenso traumwandlerisch wie ‚Marrow of the Earth‚ beendet. Hier pochen Opeth an Led Zeppelins Tür, zollen Jimmy Page Tribut und verlassen die Progrocklandschaft um sehnsüchtig die Gitarre zu zupfen und diese in wehmütig in die Arme warmer Orgelklänge zu übergeben. Ein erhabener Schlusspunkt, für eine Platte, die ihren Höhepunkt zu diesem Zeitpunkt bereits hatte: ‚Folklore‚ steigert sich als waghalsige Achterbahnfahrt bis zu seinem chorgetriebenen Finale hin zum epischen Rhytmusorgasmus, im pointierten Schlagzeugspiel finden sich gar noch Überreste von Opeth Vergangenheit. Das Highlight in einem ausnahmslos aus Höhepunkten bestehenden Album: ‚Heritage‘ besticht ausnahmslos mit dunklen Atmosphäre-Brocken (‚Häxprocess‚), eindringlicher Dynamik (‚I Feel the Dark‚), treibender Power (‚Slither‚) und exaltierten Ideen (etwa der Funk in ‚Nepenthe‚). Dabei lässt Åkerfeldt seine Kompositionen stets vor dem erlösenden Ausbruch köcheln, die Spannung so stets im paradoxen Zwiespalt von konzentrierter Erwartungshaltung und unerfülltem Bestätigungswunsch kochen.

Heritage‚ ist so zu vielem geworden. Einem mutigen Neuanfang, dessen Ausrichtung nicht wenige Fans deutlich vor den Kopf stoßen wird. Ein sperriges Flickwerk, dass in seiner Komplexität schon verzweifeln lassen kann und wohl das Gefühl hinterlassen kann, nicht für die investierten Mühen zu entlohnen. Und ein großartiges Gesamtkunstwerk, das, hat es seine Magie erst einmal entfaltet, mit beispielloser Atmosphäre gefangen nimmt. Opeth fügen ihrer makellosen Discographie damit nicht nur einen neuen Höhepunkt hinzu, sondern öffnen triumphal ein vollkommen neues Kapitel der Bandgeschichte. Womit man im zwanzigsten Bandjahr selbst bei einer Band, die sich seit zehn Alben kontinuierlich selbst übertrifft nicht in dieser Konsequenz rechnen hätte können.

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Comments (3)

  1. Pingback: Steven Wilson - Grace for Drowning - Neonliberal.at 30. September 2011 […] dran. Außerdem wäre da noch sein Engagement als Mixer des letzten Opeth Meisterwerks ‘Heritage‘ und im Kämmerlein werkelt Wilson mit dessen Mastermind Mikael Åkerfeldt schon am Release […]

  2. Pingback: Storm Corrosion - Storm Corrosion - HeavyPop.atHeavyPop.at 6. Mai 2012 […] ein: ‘Storm Corrosion‘ ist der angekündigte, logische Abschluss der mit Opeths ‘Heritage‘ und Steven Wilsons letztem Soloalbum ‘Grace for Drowning‘ begonnenen […]

  3. Pingback: Opeth - Sorceress - HeavyPop.at 10. Oktober 2016 […] gelingt, woran Pale Communion noch so ernüchternd gescheitert war: Den mit Heritage eingeschlagenen Weg von Opeth als Tributband an den Prog der 70er nahtlos fortzusetzen, ohne sich […]

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