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Other Lives – Tamer Animals

Other Lives aus England spielen ebenso wundersamen wie wunderbaren Alleskönner-Indierock, der hinter verträumter Melancholie eines der sehnsüchtigsten Alben des Jahres auffährt. Verständlich, warum Robin Pecknold und seine Fleet Foxes ebenso darauf abfahren, wie die Labelkollegen von Radiohead. ‚Tamer Animals‘ ist eine Zeitreise in eine besseren Welt, die es so nie gegeben hat.

Ein passenderes Video hätten Other Lives zu ‚For 12‚ kaum drehen können, bringt die einsame Weltraumreise von Jesse Tabish auf einen verlassenen Wüstenplaneten doch den Sound seiner Band in gewisser Weise auf den Punkt: Other Lives klingen schwerelos, spielen ihren gallopierenden Pop aber auch derart verwaschen, als käme man direkt aus einem verwunschenen Märchenwald zu Wildwest-Zeiten. Ebenso kann man sich die fünf Engländer gleichermaßen tief unter dem Meer musizierend vorstellen, wie auf der Spitze eines mächtigen Bergmassivs. Kurzum: Other Lives kreieren mit ‚Tamer Animals‚ ein aus Raum und Zeit gefallenes Stück schwelgender Popmusik, dass sich Anhaltspunkte im Diesseits gesucht hat, aber niemals greifbar wird.

Mit dem schönen, aber letztendlich zu braven Trauerklospop vom selbstbetitelten ersten Album (welches im Grunde genommen ohnedies das zweite der Band war), zu dem man prima aus dem Fenster in den Regen starren konnte oder ihn gleich bei Greys Anatomie hören durfte hat das nur noch wenig gemein. Hatte die einst als Kunek gegründete Band damals seine Lektionen vorrangig aus der ‚The Bends‚ – Phase von Radiohead gelernt, geht man nun, zwei Jahre später, weiter. Radiohead hört man noch immer, allerdings konzentriert man sich auf die losgelösten Soundnebel, die deren späteren balladesken Songs begleiten. Zudem hat man sich im New Folk umgehört, hat sich das Majestätische der Fleet Foxes angeeignet und mit den stampfenden Rhytmen der Local Natives kombiniert. Und das derartige Musik ohne My Morning Jacket respektive Crosby, Stills, Nash und Young oder Simon und Garfunkel nicht möglich wäre, muss mal wohl nicht mehr erwähnen. Denn auch Other Lives sind süchtig nach Harmonien, nach großen Melodien und majestätischen Arrangements – und zelebrieren dieses Verlangen in Form von elf Genregrenzen ignorierenden kleinen Meisterstücken.

Tamer Animals‚ kann es sich erlauben, die Hatz mit einer hüpfenden Folkabfahrt wie ‚Dark Horse‚ zu beginnen, die auch den Bowerbirds nicht schlecht gestanden hätte, und den Reigen mit dem monumentalen Instrumentalstück ‚Heading East‚ zu beschließen. Und dazwischen alles möglich zu machen, was man zwischen Postrock, Indie, Pop oder Folk verankern möchte. ‚Dust Bowl III‚ ist einer von zahlreichen Hits der Platte, der vor flirrender Hitze wahre Dramatik kreiert, die trotz aller Eingängigkeit am nächsten zum Wildwestpostrock von Grails wandelt. ‚Tamer Animals‘, der Song, verharrt zwischen demonstrativer Stärke und unwirklicher Verletzlichkeit. ‚Old Status‚ macht den tränenreichen Walzertanz im Geisterschloss und ‚Landforms‚ ist ein  hoffnungsschwangerer Monolith von einem Song, der in Reinkultur aufzeigt, was Other Lives Spezialität geworden zu sein scheint: Musik zu kreieren, die das geistige Auge herzlich anspricht, hier bildlich wird und den Hörer an der Hand zu irrealen Orten führt, ihn über den Szenarien schweben lässt.

Kein Wunder also, dass Other Lives mittlerweile reichlich prominente Beführworter gefunden haben. Gelegentlich verliert sich die Band in allzu melancholischer Melodiesucht und in gewissen Momenten ist sogar die einzige Schwäche einer wundervollen Platte eine große Stärke, wenn zuviel Schönklang schlicht nicht existieren kann. Other Lives haben seit ihrem Debüt einen gewaltigen Schritt zurückgelgt, spielen ihre Songs nun weitläufiger und dennoch besser auf den Punkt. Die fünf Multiinstrumentalisten lassen sanfte Pianolinien auf schüchterne Pedal-Steel Massen streicheln, umschmeicheln im Vorbeigehen noch mit Streicheropulenz. Mit einem zurückgenommenen, pompösen Soundgewand, das zum Träumen einlädt. ‚Tamer Animals‚ ist so zu einer entrückten Reise durch melancholisch unwirkliche Folkpopwelten geworden; durch träumerische Soundlanschaften, in denen Gegensätze sich nicht ausschließen: Musik, die zu Tränen rühren vermag und gleichermaßen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern kann.

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Comments (1)

  1. Pingback: Other Lives – Mind the Gap - HeavyPop.atHeavyPop.at 3. November 2012 […] zu staubtrocken klickernden Rhythmen über das Grundgerüst des titelgebendes Songs zu jenem Album, das Other Lives letztes Jahr nicht nur in die Herzen von Radiohead und der Fleet Foxes […]

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