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Pianos Become the Teeth – The Lack Long After

Dass Hardcore eigentlich nichts mit Post-Rock zu tun hat, hat dem Quintett aus Baltimore noch immer niemand gesteckt. Passt so, denn für ihr Zweitwerk ‚The Lack Long After‘ verfeinern Pianos Become the Teeth ihr gewöhnungsbedürftiges Amalgam noch einmal.

2011 ist unbestreitbar das Jahr der „The Wave„-Bands – einer ideologisch stark verbundenen Szenebewegung, die Post-Hardcore in alle möglichen und unmöglichen Genres auswalzt und mit hochemotionalen Texten auflädt. Für viel Aufmerksamkeit muss nach dem Hype um Touché Amoré´s ‚Parting the Sea Between Brightness and Me‚  und La Dispute´s ‚Wildlife‚ ohnedies nicht mehr gesorgt werden, aber dass dazugehörige Bands wie  Defeater mit ‚Empty Days & Sleepless Nights‘ Anfang des Jahres ansprechend vorgelegt haben und die potentiellen Hot Water Music– Erben Make Do and Mend noch eine EP für dieses Jahr angekündigt haben, ist vermutlich der feuchte Traum aller Werbemenschen: Alle den potentiellen Hype bedienende Bands schicken ihre Alben fein säuberlich nacheinander ins Rennen. Nun also auch die Bande rund um Frontmatte und Sänger Kyle Durfey.

Als die fünfköpfige Bande 2009 ihr Debütalbum ‚Old Pride‘ veröffentlichte, stieß das Schubladenfans gekonnt vor den Kopf. Da war eine Hardcore-Band zu hören, die eigentlich Post-Rock spielen wollte, den Songs viel Raum ließ und dann irgendwie doch im 90er Jahre- Screamo landete. Gewöhnungsbedürftig war das in erster Linie für jene, die nicht mitbekommen haben, dass Bands wie Envy, City of Caterpillar oder Portraits of Past ähnliche Mixturen schon längst aufgekocht hatten. Nichtsdestotrotz: ‚Old Pride‚ konnte sich hören lassen. Da stimmten die Songs und zudem verstand Durfey es, mit seinem hysterischen, verzweifelten, tatsächlich auch melancholischen Geschrei dem ganzen doch einen eigenen Stempel aufzudrücken. Insofern kein Wunder, dass auch abseits der Hypemaschine dringlichst auf ‚The Lack Long After‚ gewartet wurde. Wie sich nun zeigt: Zurecht. Pianos Become the Teeth knüpfen beinahe nahtlos an ihr Debütalbum an, vergessen aber nicht sich im Detail zu steigern, die Extreme  säuberlicher auszuleuchten.

The Lack Long After‚ ist ein randalierendes, ambivalentes Biest von einem Album geworden. Die Instrumente rasen mal um die Wette, nur um sich im nächsten Moment in elegischen Soundlandschaften zu verwandeln. Melodien werden langsam ausgewalzt, um unmittelbar gnadenlos zuzupacken. Das ist in seiner dramatischen Aggresivität eindringlicher denn je geraten: Wenn etwa ‚Such Confidence‚ Dryer nackt vor seine reduziert spielende Band stellt, der Songs nach zwei Minuten langsam beginnt sich aufzubäumen und das Schlagzeug rotiert, als gäbe es kein Morgen. Ein weiterer Fortschritt: Dryer begnügt sich in den ruhigeren Passagen der Platte auch mal damit, richtig zu singen und sich nicht mehr nur das Herzblut bei der Kehle hinauszuschreien. So lässt sich auch leichter darüber hinweg sehen, dass Dryer mit seinem vocaldehnenden Stil ‚Pianos Become the Teeth‚ gleichermaßen lenkt, dominiert wie auch einengt. Zu markant ist sein nicht immer variantenreiches Organ. Was man angesichts solcher Momente purer Schönheit wie dem umwerfenden Finale von ‚Liquid Courage‚ schlicht vergisst, wenn dieses in all seiner Erhabenheit auch gut von Explosions in the Sky zu erwarten gewesen wäre. Das sind jene Momente, die Pianos Become the Teeth mittlerweile beherrschen wie nur was: Wenn hoffnungslose Wellen der Wut über die häufig gestreuten Inseln der Melancholie herfallen und diese in aller Emotionalität fressen. Und niemals gelang ihnen dies bisher schöner, als es der majestätische Schlusspunkt ‚I’ll Get By‚ vormacht.

The Lack Long After‚ verlangt jedoch nicht nur aufgrund seiner Verweigerungshaltung gegen konventionelle Songstrukturen Zeit und Zuwendung. Das atemlose Handgemenge der 8 Stücke ist auslaugend, anstrengend und erst nach kleinen Teilerfolgen erfüllend. Und natürlich auch wieder Geschmackssache – wie es den Vertretern der „The Wave“ Bewegung generell zu eigen sein scheint. Pianos Become the Teeth unterstreichen mit ihrem Zweitwerk jedoch nicht nur die Berechtigung des grassierenden Hypes, sondern – viel wichtiger noch – zementieren trotz aller Unkenrufe ihre eigene Existenzberechtigung nachhaltig und eindrucksvoll. Verzweifelter klang rasende Hysterie jedenfalls schon lange nicht.

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Comments (3)

  1. Pingback: Make Do And Mend - Part and Parcel - Neonliberal.at | Neonliberal.at 25. November 2011 […] nicht mehr alle Beteiligten freuen. Im Jahr, das für Touché Amoré, La Dispute, Defeater und Pianos Become the Teeth den Durchbruch dank außergewöhnlicher Alben bedeutete, wollen aber auch die Vier aus Connecticut […]

  2. Pingback: Touchè Amorè / Pianos Become The Teeth - Split - HeavyPop.at 5. Oktober 2016 […] 2010) nun eben die Topshelf-Kollegen Pianos Becomes the Teeth. Diese haben ja zuletzt auf ‚The Lack Long After‚ einstige Vorbilder doch ein wenig abgehängt und zeigen nun auf den hier aufgefahrenen […]

  3. Pingback: Pianos Become the Teeth - Wait for Love - HeavyPop.at 25. März 2018 […] The Lack Long After als auch der stilistisch radikale Kurswechsel Keep You (2014) waren davon geprägt, dass Durfey den […]

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