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Primus – Green Naugahyde

Primus können nicht aus ihrer Haut, kommen aber endlich wieder aus der Versenkung: Les Claypool und seine neuformierte Band haben immer noch gehörig einen an der Waffel und bleiben die größte Nieschensensation in ihrem eigenen Genre.

Ein bisschen musste man sich ja fürchten: ‚Anti-Pop‚ mag nicht zuletzt dank seiner illustren Gästeschar um Tom Waits, Fred Durst und Tom Morello das deutlich zugänglichste und auch irgendwie auch eingängigste Werk der Band gewesen sein, dennoch war das mittlerweile auch schon elf Jahre alte Werk doch immer noch eindeutig ein Primus Album. Und so etwas kommt bekanntlich ohne die gehörige Prise Wahnsinn und -witz nicht aus. Die beängstigende Frage nach einem guten Jahrzent also: hat sich all das, womit Primus immer schon begeisterten und überforderten in all den Jahre angestaut und potenziert? Und vor allem: wer sollte sowas aushalten können?

Green Naugahyde‚ lässt nun natürlich ob seiner Urgewalt erzittern – und ist doch ein typisches Primus Album geworden, wenn auch stellenweise nur ein empfundenes halbes. Nicht selten hat man das Gefühl, es mit einer neuen Claypool Solo Platte zu tun zu haben, so markant fährt der Bassist über alle anderen Faktoren drüber. Als würde man die Eingängigkeit von ‚Anti-Pop‚ auf das ‚Brown Album‚ übertragen und massiv mit Claypool´s Solowerken kreuzen. Primus bleiben zwar Primus, aber eklatanter nach Projektionsfläche dür Claypools alleinige Ideen haben sie sich vielleicht noch nie angefühlt. Selbst wenn das Beatgerüst dank Neuzugang respektive Uraltdrummer Jay Lane etwas direkter ausgefallen ist, scheren sich Claypool und seine Mannen immer noch nichts um Erwartungshaltungen oder Verbraucherbedürftnisse – und lärmen hirnwütig um den heißen Brei bzw. Bass herum, was das Zeug hergibt: Claypools Bassspiel gurgelt mit allerlei wirren Effekten beladen derart virtuos durch die Gegend, dass das geneigten Musikschülern schon die Verzweiflungstränen ins Gesicht treiben dürfte und degradiert alles andere (nicht zwangsläufig, wie die Vergangenheit bewießen hat) zur Nebensächlichkeit. Da darf man schon richtig Mitleid mit Larry Lalonde bekommen, der über weite Strecken ins Aus gedrängt wird und sich zu brav hinten anstellen muß, wenn Claypool immer noch quakt und greint und schreit wie die gesamte Muppetshow zusammen. Primus klangen schon mal mehr nach Band, aber waren eben immer auch eine Les Claypool Show. Die besteht eben aus Jazz, aus Prog, aus Rock, aus Fusion, aus Metal, aus Kraut, aus Virtuosität an den Instrumenten und dem absurden Wahnsinn. Das ist alles und nichts. Elf Jahre ohne Album hat es gebraucht, um daran erinnert zu werden, dass einfach niemand da draußen klingen kann wie Primus. Nicht einmal Les Claypool.

Auch, weil kaum eine Band derart Form über Inhalt herrschen lässt. All der vorhandene Funk, all der Groove, all der Rhytmus dominieren das Songwriting praktisch nach Belieben. Das überragende ‚Last Salmon Man‚ führt die Fisherman Chronicles weiter, walzt mit verschleppter Melodie durch die Gegend und nimmt sich über sechs Minuten Zeit um nirgendwo anzukommen. ‚Eternal Consumption Engine‚ wippt mit tausend Stimmen im Kopf zur nächsten Gummizellenpolka und erkennt: „Everything is Made in China!„. Primus wandeln nach wie vor gerne  im Nirgendwo zwichen tollem Songwriting und irrem Rhytmusexperiment umher – verirrt haben sie sich dabei nie, den Hörer an der Hand soll aber doch bitte auch jemand anders nehmen. Der Quasi-Hit der Platte, ‚Tragedy’s A‘ Comin“, trumpft mit Mitgröhlrefrain auf, dem aber kaum jemand Beachtung schenken wird – bei dem plukernden Basseffekten. Da können nicht mal die verrückten Soli am Ende irgendetwas gerade biegen – wollen sie auch nicht. Weil in ‚Eyes of the Squirrel‚ ohnedies alles noch abgefahrener wird. Und das ‚HOINFODAMAN‚ sich tatsächlich eingängig nennen darf, ist dann nur noch bizarr. ‚Green Naugahyde‚ fährt in Summe derartig viele Primus typische Hochkaräter in Schieflage auf, dass man sich tatsächlich fragen muss, wie man es seit 2003 ohne neues Material ausgehalten hat. ‚Green Naugahyde‚  führt als überaus gelungene Rückkehr der Band wieder einmal vor Augen: Niemand groovt so schön in der Gummizelle wie Primus. Das muß man nicht verstehen, um es zu lieben. Oder irritiert die Augenbraue nach oben zu ziehen.

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