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Puscifer – Conditions Of My Parole

Kaum zu glauben, aber wahr: der Nachfolger des enttäuschenden Electro-Witzes ‚V is for Vagina‘ ist nicht halb so penetrant-schlüpfrig wie Maynard James Keenan´s erster Soloausflug – trotz des wieder verboten debilen Artworks. Mehr noch, ‚Conditions Of My Parole‘ ist ein wahrlich erstklassiges Electroalbum zwischen Alternative Rock und Pop geworden!

Grundsätzlich galt zu befürchten, der Tool-Sänger hätte nichts aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Jedenfalls ließ die abermals vollkommen idiotische Artworkentscheidung diesen voreiligen Schluß zu. In Sachen Maynard James Keenan ist man diesbezüglich aber ja ein gebranntes Kind, war das stillose Aussehen von ‚V is for Vagina‚ 2007 aber noch das geschmacksicherste am ersten Puscifer Album. Die postpubertären Texte außen vor, wußte man einfach nicht mehr, wo hier die Grenze zum blanken Hohn war, zumal die Musik selbst so todernst als möglich daherkam: Beatlastige Electroskelette mit dunklen Wolken über dem Pophimmel. Das war nach vollmundigen Ankündindigungen und in Anbetracht der eigenen Discographie natürlich weit hinter den Erwartungen, wirklich schlecht jedoch nicht und schlußendlich vor allem eines: leider einfach egal. Auch, weil die Songs interessant, jedoch unterm Strich einfach nicht wirklich gut waren.

Wie sich nun zeigt ist dies der Punkt, an dem Keenan für ‚Conditions Of My Parole‚ ansetzt. Da mag das Drumherum weiterhin dem kruden Humor des Ausnahmesängers angepasst sein – für das zweite Puscifer Album hat er ein Dutzend durchgängig starker Songs geschrieben. Ob es der zahlreichen Gästeschar (Carina Round, Matt McJunkins und Jeff Friedlvon Ashes Divide, Mat Mitchell, Josh Eustis [Telefon Tel Aviv] , Jonny Polonsky, Rani Sharone, Juliette Commagere, Alessandro Cortini [Nine Inch Nails] , Sarah Jones [Bat For Lashes] und Tanya O’Callaghan) geschuldet ist, dass ‚Conditions of My Parole‚ auch weitaus vielschichtiger geraten ist, als sein Vorgänger? Gut möglich, allerdings schlägt sich das Mitwirken von Schlagzeuggrößen wie Jon Theodore (ehemals bei The Mars Volta), Gil Sharone (Ex- The Dillinger Escape Plan) oder Tim Alexander (wie sehr vermisste man ihn auf der aktuellen Primus Platte) widerum weitestgehend unbemerkt zu Buche. Immer noch sind es die ausgeklammerten, kühl computergeschulten Drumbeats, die die Songs zusammenfassen. Darum herum aber versteht es Keenan diesmal durchwegs stimmungsvolle, atmosphärisch dichte Songs zu spinnen. Man darf wohl orakeln: näher wird der Ausnahmesänger den vorläufig auf Eis gelegten A Perfect Circle wohl auf lange Sicht nicht kommen.

Nicht selten blitzt da gar das Gefühl durch, den arrivierten Nachfolger zu ‚Thirteenth Step‘ in Händen zu halten, unterm Strich ist ‚Conditions of My Parole‚ dann aber vor allem die verbesserte Version des Debütalbums. Weniger dunkel, durchgängig atmosphärischer; weniger skizzenhaft, generell schlüssiger; weniger gleichförmig, dafür dynamischer. Keenan lässt elektronische Spielerein pluckern, hier und da trotzdem analoge Instrumente nach vorne preschen; nach und nach erkämpft sich die Gitarre mit viel Reverb einen Platz an der vordersten Front. Aber immer ist es vor allem der Sänger selbst, der die Songs mit eingängigen, geradezu poppigen Melodielinien anleitet. ‚Conditions of My Parole‘ ist in Summe zugänglicher und offener, als das Gros von Keenan´s bisherigem Schaffen. Da prallen fernöstliche Mandolinen schonmal auf alternativen Rock und immer wieder ist das einfach nur einnehmender, mysteriöser elektronischer Pop. Irgendwie. Egal, ob das dann aggressiver – wie im Titeltrack – , zaghafter – wie im superben ‚Green Valley – oder nah am Erstling – ‚Toma‚ – verarbeitet wird: hätte man sich noch vor dieser zelebrierten immensen Weiterentwicklung gedacht, dass man ab nun Puscifer Veröffentlichungen (wieder) ebenso entgegenfiebern würde, wie den Alben von Maynard James Keenan’s anderen beiden Spielwiesen? Und sei es nur darum, weil sonst niemand so bizarre Songs über Weinberge im Hinterland schreibt: „Da hast du Geschichten von Geistern und Aliens plus Republikaner, Demokraten, Konservative, Liberale, Weingärten, Farmen, Pferde. Das ist ein lebensfeindliches Gebiet, voll mit Skorpionen, Schwarzen Witwen, Einsiedlern, Nabelschweinen, Klapperschlangen… Und Hippies.“ Soviel dazu.

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Comments (4)

  1. pw3. November 2011 Antworten
    aaaalso 😀
    jegliche (negative) puscifer kritik (vor allem über das erste album) zeugt davon, dass der schreiber keine ahnung hat, wie das werk zu deuten ist. das kommt auch hier tunlichst hervor. weiters ist das werk abseits der full-length-releases von puscifer viel spannender und eigentlich viel mehr das herz des projekts (3 remix alben, 2 eps, 6 singles mit weiteren b-seiten und remixes….) und bzgl a perfect circle: eine band, die im letzten jahr 40 konzerte gespielt hat, ist für dich „auf eis“?
  2. Oliver3. November 2011 Antworten
    Also: Negative Kritik zeugt davon, keine Ahnung zu haben, wie das Werk zu deuten sei? Interessant – vor allem in Hinsicht auf Justin Bieber Musik o.ä..
    Fällt also wohl eher unter die Fanboy Ansicht. 🙂
    Dass A Perfect Circle auf Eis liegen, bezog sich darauf, dass von denen so bald keine neue Platte zu erwarten sein soll – wobei du natürlich Recht hast: das war unverständlich ausgedrückt.
  3. pw3. November 2011 Antworten
    sorry, so „arg“ war die kritik dann auch wieder nicht gemeint 🙂 aber bei maynard keenan wissen wir einfach, dass er mehr in der birne hat als ein justin bieber. ich glaub halt einfach, dass er alles bewusst macht. und wenn er etwas scheisse macht (zb. artwork), dann ist das auch bewusst so. anyway… über die musik an sich kann man natürlich immer streiten und da werden die meinungen immer auseinander gehen. ich hab „V“ nicht so übel gefunden. viel viel besser aber ist die EP „C…“. schade, dass ihr diese nicht reviewed habt. da singt teilweise die wunderbare milla jovovich und trent reznor taucht in den credits auf, was darauf schließen lässt, dass nicht verwendetes „tapeworm“ material ans tageslicht kommt. das hört man dann auch an der qualität der songs. bzgl. APC stimmts natürlich wiederum auch, dass es release-technisch extrem ruhig war in den letzten jahren. bei den kürzlichen live konzerten wurde aber zumindest eine neue nummer gespielt und im studio waren sie de-facto auch schon. das heißt es wird wohl früher (oder später) wirklich was neues geben. zumindest vor dem neuen TOOL album, wage ich mich zu behaupten 🙂 schade, dass hier in den kommentaren keine absätze übernommen werden. sonst könnte man die postings etwas strukturierter machen und die diskussionen damit fördern.. vielleicht kann sich das der webmaster mal anschauen? ich find diese seite hier auf jeden fall super, macht weiter so! freu mich, dass ich darauf gestoßen bin und find die ge-reviewte musik super usw.. usf.. 🙂
    • Oliver4. November 2011 Antworten
      Klar, da geb ich dir natürlich Recht: Keenan hat was in der Birne und denkt sich sicher was bei dem, was er tut – und wenns nur ein Dienst an seinem zugegebenermaßen etwas kruden Humor ist. Das irritierend gewählten Artwork seh ich aber auch als Maßnahme, um Erwartungshaltungen zu umschiffen. Und so „debil“ ich das Artwork finde, so grandios ists für meine Begriffe auch! 😀
      Zwecks Tapeworm: Generell hab ich ja meine Hoffnungen aufgegeben, dass die ihr aufgenommenes Zeug nochmal veröffentlichen und man mit den beiden bisherigen Puscifer/APC – Adaptionen Vorlieb nehmen wird müssen…wirklich schade! Wie auch immer:
      APC wollen ja laut Howerdel in naher Zukunft nur noch einzelne Songs veröffentlichent – aber daher Tool mal wieder eine gefühlte Ewigkeit (auch schon wieder anderthalb Jahre) am neuen Album basteln, glaub ich, dass du Recht haben könntest, dass man von denen trotzdem noch vorher was neues hören wird….
      Das mit den Absätzen ist ne Shitgeschichte – werd mich mal erkundigen – danke für den Hinweis jedenfalls! 😀

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