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Red Hot Chili Peppers – I´m With You

Die prolongierte Katastrophe nach der der belanglosen Hiobsbotschaft ‚The Adventures of Rain Dance Maggie‘ ist überraschenderweise abgewendet: Eine rundum überzeugende Angelegenheit ist das zehnte Chilli Peppers Album zwar wieder nicht – ‚I´m With You‘ ist aber das frischeste und befreiteste Album der Funky Monks seit einer halben Ewigkeit geworden.

Die Ausgangslage war freilich eine verzwickte: Spätestens mit ‚Stadium Arcadium‚ hatten sich die Chili Peppers in eine kreative Sackgasse manövriert. Gitarrengott John Frusciante kniedelte auf dem hemmungslos überladenen, ebenso langwierigen wie oftmals langweiligen und stellenweise doch brillianten Doppelalbum über das Verständnis von Pop und Harmonien, welches er der ehemaligen Funkband beigebracht hatte. Dass er damit die Peppers über die Jahre immer stärker beherrschte, tat ihm ebenso wenig gut wie Kiedis, Flea und Smith. Man engte sich gegenseitig ein, die abermalige Trennung voneinander war die vielleicht einzig logische Konsequenz, zumal sie diesmal auch freundschaftlich verlaufen konnte. Frusciante trat also den Rückzug in seine stark bediente Solokarriere an, die Chili Peppers selbst gönnten sich eine fünfjährige Auszeit in der 2009 Frusciante-Intimus und Multiinstrumentalist Josh Klinghoffer als neuer Gitarrist in die Band integriert wurde. Eine schwierige Ausgangslage, aber auch die beste Möglichkeit für einen Neuanfang für die aus künstlerischer Sicht festgefahrene Karriere der Band aus Los Angeles.

Umso ernüchternder der erste Vorgeschmack auf ‚I`m With You‚: ‚The Adventures of Rain Dance Maggie‚ ließ in all seiner mutlosen Anbiederung an Formatradios die endgültige Banalisierung der einst so wichtigen Band befürchten. Freilich: Nett anzuhören ist das harmlose Gedudel der ersten Single, eingängig und den Geschmack der seit ‚Californication‚ an Bord gekommenen Fanlandschaft bedienend. Aber in seiner feigen Einfallslosigkeit dreist und grundsätzlich so belanglos, dass es beinahe weh tat. Klare Sache: Die Peppers sind endgültig im Fernsehgarten angekommen, statt neuem Feuer gibt‘ s Altes matt aufgekocht. 13 Songs später sieht die Sache nun wieder etwas anders aus. Natürlich sind die Red Hot Chili Peppers  nicht mehr die Funkband mit Socken auf den Gemächtern, aber tatsächlich ist ‚I´m With You‚ wieder mehr Rock als Pop und das gerne mit hartem Funk als Grundlage. Die Charts brauchen sich keine Sorgen machen sich auch 2011 aus dem erweiterten Euvre der Kalifornier dürfen – nur zeigt sich bei den Peppers wieder ein Hungergefühl, die rocken so frisch und befreit wie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr.

Das elementare Puzzleteil dazu: Josh Klinghoffer. Der 31 jährige Jungspund der Band versteht es meisterhaft, Frusciante’s Spiel nachzueifern ohne ihn zu kopieren und dabei in den richtigen Momenten doch Akzente zu setzen. Klinghoffer befreit das Spiel der Peppers, setzt kleine, aber feine Nuancen von denen auch seine Mitspieler profitieren. Losgelöster dufte Langzeitschlagzeuger Chad Smith schon lange nicht trommeln. Der große Gewinner von ‚I´m With You‚ ist dennoch Flea. Ob nun die euphorische Rhytmussektion samt Klinghoffer Arschtritt oder Balzaris Musikstudium in der Chili-Pause ausschlaggebend war, darüber darf gemutmaßt werden. Fest steht: ‚I´m With You‚ strotzt nur so vor den fittesten Basslinien, die der Saitenwizard jemals rausgehauen hat, der gesamten Platte liegt zudem ein immanenter Funkgroove zugrunde, den die Peppers schon aufgegeben zu haben schienen. Die Krönung der Flea-Festspiele: ‚Goodbye Hooray‚ – ein kochenhart groovendes Brett von einem Rocksong, indem Flea gar ein Solo abreißen darf. Das sind die Momente, in denen die Red Hot Chili Peppers endlich wieder eine Dringlichkeit vermitteln, wie man das nicht mehr für möglich gehalten hätte und die Band nicht nur schön, sondern richtig geil klingt. Und was macht Kiedies bei all dem Spektakel? Bringt eben Kiedis-typische Melodiebögen ins Spiel, veredelt jeden Song zur eingängigen Hymne zum Mitsingen und das natürlich mit peinlichen Texten zum fremschämen und kopfschütteln.

Aber das gehört natürlich zu einem Red Hot Chili Peppers Album dazu. Ebenso wie der Hang der Band übers Ziel hinauszuschießen. Auch das zehnte Chili Peppers Album ist zu lang geraten, weniger wäre mehr gewesen und bestätigt mal wieder, dass die Band nicht wirklich zwischen Füllmaterial und tatsächlich großartigen Material unterscheiden kann. Oder will.
Denn das auch eine Menge Kalkül hinter dieser Platte steckt, wird nur halbherzig verschleiert. So schlimm, wie bei ‚The Adventures of Rain Dance Maggie‚ ist es dankbarerweise nie – auch, weil der Song im Albumkontext tatsächlich weit weniger schlimm erscheint. Nicht selten jedoch vermittelt ‚I´m With You‚ das Gefühl, als wäre da mit ein bisschen mehr Mut noch viel mehr möglich gewesen, als häten die Erwartungshaltungen, die mittlerweile auf den Peppers lasten die Band doch gebremst und man treue Kunden keinesfalls verprellen wollen. Nie spielen sie ohne Netz und doppelten Boden, ein Fangnetz hängt zur Sicherheit unter beinahe jedem Song. Spektakulär geht natürlich anders und ermüdende Belanglosigkeit macht sich vor allem hintenraus viel zu breit – Mit Ausnahme von ‚Dance, Dance, Dance‚ siecht beinahe das komplette letzte Drittel der Platte in seichter Langeweile dahin. Was solide aber spannungsarme Songs wie ‚Ethiopia‚ auf dem Album zu suchen haben, kann wohl nicht einmal Produzent Rick Rubin begründen. Bei Ergüssen wie dem netten  ‚Happiness Loves Company‚ oder dem harmlosesen ‚Police Station‚ weiß man wenigstens, dass hier einfach ungeniert im Popmarkt gewildert wird – auch wenn die Skiptaste zum besten Freund wird. Das sind aber eben die Momente, die ‚I´m With You‚ von einem exzellenten zu einem bloß wirklich guten Rockalbum herabstufen.

Was vom gelungenen Neustart bleiben wird, sind aber ohnedies die zahlreichen Highlights der Platte: ‚Monarchy of Roses‚ überrascht mit fettem Discobeat und das Albumhighlight ‚Goodbye Hooray‚ bringt den Spaß zurück ins den Rock Zirkus der Chili Schoten. ‚Annie Wants a Baby‚ zeigt, dass Frusciante Songs auch ohne Frusciante funktionieren können.  ‚Did I Let You Know‚ ist große Popmusik mit einem wunderbar dezenten Klinghoffer vor Trompetensoli mit Samba Flair und souligen Backroundgesang. Und ‚Brendans Death Song‚ schickt sich gar an ‚Under the Bridge‚ als Live-Gänsehaut Moment der Band abzulösen. Der simpel gestrickte Song drückt mit einer Melodie für Millionen auf die Tränendrüsen, wäährend Flea und Smith im Hintergrund abviechern, als gelte es Stadien niederzubrennen. Das begeistert, nicht nur weil (niedrige) Erwartungshaltungen spielend übertroffen werden, sondern weil die Band zeigt, dass sie mehr sind, als bloß Frusciante´s Spielwiese im Mainstream.

I´m With You‚ ist damit vieles. Es ist ein feuchter Traum für die Plattenfirma und Musikindustrie, ein Sammelsurium für Chartexzesse und ein weiterer Grund den alten Chili Peppers nachzutrauern. Es bedient  Fans durch alle Schichten und mit mehr Pepp traten die Peppers seit ‚One Hot Minute‚ nicht mehr auf. ‚I´m With You‚ ist genug Pop um Massen zu begeistern und genug Rock, um auch verprellte Fans zurückzulocken. Es ist ein Lehrbeispiel, warum Alben nicht zwangsläufig bis zum Anschlag mit Songs vollgestopft werden sollten und wie sehr der Markt sich Individuen zurecht biegen kann. Was man aber eben nicht außer Augen verlieren darf: Die Peppers sind Big Player und musikalische Revolutionen finden mittlerweile ohnedies anderswo statt. Vor diesem Hintergrund ist ‚I´m With You‚ in erster Linie eine weitestgehend erstklassig unterhaltende Platte geworden. Großes Chartkino für die Massen und dennoch auch eine Annäherung an alte Stärken mit altbekannten Schwächen. In den guten Momenten ist das zehnte Peppers Album schlicht großartig und dann tendenziell das beste, weil spannendste Red Hot Chili Peppers Album seit ‚Californication‚ – in den schlechten schlicht belanglos und egal. Unterm Strich ist ‚I´m With You‘ ein überaus gelungener Neustart und ein unerwartet starkes Comeback – auch wenn mehr möglich gewesen wäre. Ansatzweise konnten sich die Funky Monks hiermit freischwimmen: Harmonisch schwelgen war gestern – die Chili Peppers rocken wieder, die Chili Peppers brennen wieder. Auch wenn es oftmals nur die Sparflamme ist.

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Comments (2)

  1. Pingback: Rocket Juice & The Moon - Rocket Juice & The Moon - HeavyPop.atHeavyPop.at 3. April 2012 […] wahrscheinlich beste Funkrock-Bassist der Welt ist. Quasi das natürliche Gegenstück zur aktuellen Peppers Platte, die dann auch einen Strih durch alle Rocket Juice Tourgedanken macht. Und Albarn? Taucht außer […]

  2. Pingback: Red Hot Chili Peppers – Magpies On Fire / Victorian Machinery - HeavyPop.atHeavyPop.at 11. September 2012 […] bisher zweiten der insgesamt angedachten neun Singles mit unveröffentlichten ‘I’m With You-’ Songs lassen sich in erster Linie zwei Dinge ablesen: Zuallererst verdeutlichen die […]

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