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Scott Weiland – The Most Wonderful Time of the Year

Darauf hat die Welt wohl gewartet: Stone Temple Pilots Röhre Scott Weiland macht den Sinatra und croont ein Weihnachtsalbum ein. Schmalzig, seltsam und gewöhnungsbedürftig ist das. Und mindestens ebenso überraschend gelungen.

Scott Weiland scheint auf den Geschmack gekommen zu sein: Nach ‚A Compilation of Scott Weiland Cover Songs‚ Mitte des Jahres schickt er zum Ausklang des selben also noch die Prise Weihnachtsstimmung hinterher. Ein Schelm, wer denkt, die erhöhte Produktivität habe etwas mit seinen zu vermarktenden Memoiren ‚Not Dead & Not for Sale‚ zu tun. Wie im Falle des  gezollten Tributs an Radiohead, Nirvana, David Bowie und Co. erscheint ‚The Most Wonderful Time of the Year‚ vorerst nur digital. Im Gegensatz zur zeitgenössischen Covercompilation steht der physikalische Datenträger der Weihnachtssause jedoch schon in den Startlöchern, hat man hier doch nicht nur ein Fan- sondern ein verkaufsträchtiges Genreprodukt. Denn selbst Festtagsmuffel können dem Artwork entsprechend zugestehen: So schick und stilvoll es hier auch zugehen mag, so leger wird das dann umgesetzt – das gefällt.

The Most Wonderful Time of the Year‚ ist tatsächlich außergewöhnlich unterhaltsam geworden. Was natürlich vordergründig an Weilands Performance liegt. Der immer noch mit dem Alkohol kämpfende Sänger der Stone Temple Pilots versucht sich als Frank Sinatra, als Bing Crosby und croont sich mit einer Ernsthaftigkeit durch die versammelten 30 Minuten, die kein Augenzwinkern zulässt, aber an so manchem geraden Ton meilenweit vorbeischrammt. Dazu unterlegt Weiland die elf Songs standardgerecht mit süffisant taumelnden Pianoschwelgereien und vor allem geradezu konservativ klassischen Streichern, die vor Kitsch nur so triefen. Was jedoch geradezu grotesk in die Hose gehen könnte, gelingt gerade auch ob seiner amüsanten Ernsthaftigkeit – Weiland führt nonchalant grinsend durch seine Weihnachtsschar und vergisst dabei nicht, den Songs ordentlich Pepp mitzugeben.

Der herrliche Streicherschmontz klebt an jeder Sekunde der Platte, das Piano klimpert melancholisch vor sich hin. Rechtzeitig für ‚Silent Night‚ bricht Weiland jedoch mit der strickten Instrumentierung: Der Copacabana Shuffle bringt reichlich Sonnenschein in das schwerfällige Schneetreiben, die Flamanco Gitarren surfen um Steel Drums als gelte es Weihnachten unter Palmen zu feiern. Soviel konträres Urlaubsfeeling will für ‚Happy Christmas and Many More‚ noch mal Verwendung finden. Für den Quasi-Titelsong ‚It’s the Most Wonderful Time of the Year‚ lässt Weiland die Big Band nochmal am Tempo ziehen, reihenweise Blechbläser neben beschwingten Chorgesängen bestehen. Noch besser macht das der Rocker im Loungemelancholiker ‚What Child is This?‚, dass sich sanft bis zu seinem Flötensolo vorkämpft und Weiland abermals in vibrierender Bestform als gewitzter Entertainer zeigt. Das aufgebaute Tempo bleibt für den Rest der Platte aufrecht – und gipfelt im finalen ‚O Holy Night‚ gar im gelungenen Raggae Umfeld, welches famos funktioniert – man möchte es nicht glauben.

‚The Most Wonderful Time of the Year‘ ist ein auf seine Art durch und durch kurioses Weihnachtsalbum geworden. Ein stimmungsvolles, atmosphärisches und vor allem sentimentales Stück Gelegenheitsmusik, das sich über seine verquere Existenz bewusst ist und zwischem traditionelle triefendem Kitsch und erfrischendem Genremixing keinen Unterschied macht. Im vielgeschmähten Genre ‚Christmas Record‚ gelingt Weiland das vermutlich bestmögliche Resultat, indem er aus dem irrwitzigen Szenario als Sieger  aussteigt – was, wie man weiß, ja auch nicht jedem Teilnehmer beschieden ist. ‚The Most Wonderful Time of the Year‘ ist deswegen gleichermaßen die ideale Platte für verrauchte Jazzbarszenarien, in denen einsame Herzen doch auch Hoffnung finden möchten, wie für ächzende Lifte in rammelvollen Einkaufszentren.

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