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Screaming Trees – Last Words: The Final Recordings

Ein Epilog, der sich inszeniert wie die Screaming Trees ihre gesamte Karriere betrieben: Ohne großes Aufsehen zu erregen enstaubt eine der grandiosesten Bands der 1990er ihre Archive. Mit elf Jahren Verspätung enthüllen die großen Verlierer des Grunge-Booms ihren Schwanengesang.

Gut gemeint hat es das Schicksal nicht mit den Screaming Trees. Als Kritikerlieblingen blieb ihnen der kommerzielle Erfolg bis zu ihrem Ende im Jahr 2000 stets verwehrt. Die Kollegen von Alice in Chains, Soundgarden, Pearl Jam und Nirvana zogen die Massen an und hievten das Phänomen Grunge ins Massenbewustsein, während Mark Lanegan und seine Gang ihr Dasein in der Schattenwelt zwischen Missachtung und ungelöhnter Anerkennung fristen mussten. Dabei waren die Screaming Trees nicht nur früher auf der Bildfläche als die prominent gewordenen Kollegen, sondern hatten auch reihenweise tolle Alben im Ärmel. 1992 warf das grandiose sechste (!) davon,  Sweet Oblivion zudem den ‚Singles‚-Hit ‚Nearly Lost You‚ ab. Doch dass bei dieser Band auch der Wurm mit drin war, dürfte auch deutlich zeigen, dass die Amerikaner um die Connor Brüder geschlagene vier Jahre brauchten, um dem potentiellen Durchbruchswerk einen Nachfolger zu bescheren. Mit ‚Dust‚ gelang ihnen zwar ein ebenbürtiges Meisterwerk psychedelisch angehauchter Rockmusik, doch die Dinge gerieten mehr und mehr ins Stocken.

In den ersten Monaten des neuen Jahrtausends begab sich die Band noch einmal ins Studio um neue Songs einzuspielen – es sollten die letzten gemeinsamen Tage der Band werden. Pearl Jam Gitarrist Stone Gossard öffnete  sein Studio Litho, die Band bezahlte die Aufnahmen aus eigener Tasche, da sie keine Rückendeckung seitens der Plattenfirma mehr hatten. Peter Buck von R.E.M. und der umherstreunende ehemalige Kyuss Gitarrist Josh Homme (der von 1996 bis 1998 aus Langeweile die Rhytmusgitarre für die Screaming Trees übernomen hatte da sich die Queens of the Stone Age erst langsam als Gamma Ray abzuzeichnen begannen) steuerten Parts zu dem geplanten Album bei. Gekommen ist es zu diesem in angedachter Form natürlich nicht mehr. Am 25. Juni 2000 spielten die Screaming Trees schließlich ihr letztes Konzert vor 20.000 Besuchern im Seattle Memorial Stadium, bevor die Band endgültig getrennte Wege ging. Die kurz davor eingespielten Aufnahmen verstaubten daraufhin auf Stone Gossards Studiodachboden und gerieten in Vergessenheit.

Ein gutes Jahrzehnt verging, ehe die Aufnahmen Barrett Martin wieder in die Hände fallen. Der ehemalige Schlagzeuger und Multiintrumentalist der Screaming Trees hatte bei den Sessions um die Jahrtausendwende Platz am Produzentenstuhl genommen und war nun gewillt, das Songmaterial zu seinem wohlverdienten Ende zu bringen und das letztes Screaming Trees Album endlich  zu vollenden. Gemeinsam mit dem Szenenspezialisten Jack Endino entstaubte Martin die Aufnahmen und brachte das auf zwei Two Inch Tapes gelagerte Material auf Vordermann. Der finale Zug um die Publikation des heiß erwarteten Albums darf als typische Geste für die subtile Zurückhaltung der Bandgesehen werden: Ohne großen Medienrummel bringt Martin die Platte auf seinem eigenen Label Sunyata Records heraus. Einstweilen nur als Download erhältlich, sollen physische Veröffentlichungen folgen.

Soviel also zur weitreichenden Chronologie dieser Platte. Einer Platte, der man ihr Alter zu keinem Zeitpunkt anhört. Vielleicht sagt alleine schon dies genug über die Qualität der versammelten zehn Songs aus. Denn um es vorweg zu nehmen: ein weiteres ‚Sweet Oblivion‚ oder ‚Dust‚ ist ‚Last Words: The Final Chapter‚ in seiner endgültigen Form nicht geworden. Eine großartige Bereicherung für das Erbe der Screaming Trees jedoch absolut.
Was man sich dabei vor Augen halten sollte ist, dass es sich hierbei eben keinesfalls um ein dem Kariereende gerne mal hinten nach geschobenes Album mit Outtakes, unfertigen Songskizzen oder bloßen Demosalat handelt. Die hier untergebrachten Songs waren immer schon als achtes Studioalbum der Band gedacht. Was in Anbetracht der kurz nach den Aufnahmen folgenden Auflösung der Band jedoch verwundert, ist der Elan und Spielwitz, den die vier Screaming Trees hier an den Tag legen. Disfunktionale Personenkonstellationen klingen anders, möchte man meinen.

Vielleicht mag das daran liegen, dass die Band in den vorhandenen Songs meist konsequent ihre Stärken ausspielt und sich die vier Musiker in grandioser Spiellaune präsentieren und ein letztes Mal aufzeigen, dass die Screaming Trees seit jeher viel zu zeitlosen Alternative Rock gespielt haben, um das noch Grunge nennen zu können. Mark Lanegan, immer schon einer der besten Sänger seiner Zeit hatte sich vor zehn Jahren zwar noch nicht vollends in die Tiefen hinuntergegurgelt, in denen er heute zuhause ist, dennoch dirigiert er die Songs markerschütternd von einer Hookline zur nächsten, an erstklassigen Songs dazu mangelt es nicht: Schon der Opener ‚Ash Gray Summer‚ ist so ein unwerfender Screaming Trees Hit, der sich spannungsgeladen von Strophe zu Chorus hangelt und mit den Vorzügen dieser Band praktisch mit der Tür ins Haus fällt. Da wird zwar deutlich, dass sich die Band zwischen ‚Dust‚ und ihrem Ende nicht mehr drastisch weiterentwickelte, jedoch auch keineswegs durch inspirationslose Täler wandern musste. Zumal der starke Beginn mit ‚Door Into Summer‘ und dem  Ohrwurmrocker  ‚Dying Days‚ – der sich jedoch frecherweise ‚Revelator‚ nennt – noch einmal mühelos gesteigert werden kann – allein dieses göttliche Triumphirat rechtfertigt die Veröffentlichung der ‚Final Recordings‚. Danach halten bekannte psychedelische Akzente Einzug. Das experimentelle ‚Black Rose Way‚ macht den Brückenschlag zwischen Grunge und Hawkwind und man weiß, warum es die Twilight Singers praktisch geben musste. ‚Black Rose Way‚ kann dieses Tempo nicht mithalten, mit dem Midtemporocker schwächelt Album Nummer Acht nahezu unmerklich, aber doch. ‚Reflections‚ verlässt sich etwas zu sehr auf Lanegans Stimme über der Akkustikgitarre und Backroundchorals, die jedoch vor Augen führen, dass die Band in den Jahren vor diesen Aufnahmen mit Homme unterwegs waren. Der stimmungsvolle Durchatmer im Mittelteil funktioniert jedoch nur bedingt, vielleicht die Schwachstelle der Platte.

Das subtile und beinahe schüchterne ‚Tomorrow Changes‚ macht dies allerdings vergessen, die Screaming Trees schrauben den Druck zugunsten harmoniesüchtiger Melodieseligkeit zurück. Bevor ‚Low Life‚ das Tempo abermals raus nimmt und wieder die eigene Discographie zitiert. ‚Anita Grey‘ ist die geradezu brachial stampfende Stakkattoantwort darauf, ehe ‚Last Words‚ als aufmüpfige Rockballade balladeske Elemente in den Hintergrund drängt und das Kapitel Screaming Trees rühmlich schließt. Denn eine Wiedervereinigung wird es nicht geben, ‚Last Words: The Final Recordings‚ wird ohne Rückendeckung in die Welt entsandt. Ein weiteres Merkmal dafür, dass es der Band hiermit nicht ums Geld verdienen geht. Deswegen kann man auch ein Auge zudrücken, wenn es darum geht, dass ‚Last Words: Final Recordings‚ keineswegs das beste Screaming Trees Album darstellt, sich eher im Mittelfeld der Discographie ansiedelt und ‚Dust‚ damit doch das bessere Ende ist bzw. gewesen wäre. Auch kann man darüber hinwegsehen, dass dem Album nach hinten raus etwas die Luft ausgeht und man sich ein wenig zu wagemutig beim Songwriting gezeigt hat. Oder dass der Platte ein stimmiger Spannungsbogen fehlt.
Last Words: The Final Recordings‚ ist nicht makellos, ist nicht das Ausrufezeichen hinter einer verzwickten Karriere. Und ist gerade auch deswegen ein sympathisches Rockalbum mit großen Hits und kleinen Fehlern. Mit grandiosen Einzelstücken und wenigen Schwachpunkten. Kein würdiger Schlußpunkt, aber ein würdevoller. Die Screaming Trees betreten damit endgültig und erhobenen Hauptes die Analen der Rockgeschichte. Wenn man dieser Platte etwas vorwerfen möchte, dann dass sie diesen Trennungsschmerz nicht lindern kann.

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Comments (1)

  1. Flying Locust30. Januar 2012 Antworten
    Danke für dies wunderschöne Rezension, besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Trotz ihrer geringen, leicht überschauberen Schwächen darf dies Scheibe in keiner ST-Sammlung fehlen. Auffallend sind, wie schon merklich bei „DUST“, die Einflüsse Lanegans Solo-Erfahrungen. Somit bietet dieses (Ver-) Spätwerk einen leicht nostalgischen Rückblick auf Lanegan und die Trees. Welcher die bald endente Wartezeit auf seine neue Scheibe „Blues Funeral“ versüßt und somit erträglich macht. Viel Spaß damit.

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