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Protest the Hero – Scurrilous

Geschätzte hundert Breaks, mindestens tausend Noten.
Riffgewitter, Gitarrengewichse ohne Ende. Majestätisch divengleicher Gesang, Blastbeats, polyrhytmischer Wahnsinn. Hooklines, Melodiefetzen. Und war da etwa ein Refrain?
Unzähligen Wendungen und Hackenschlägen, das knockt einen erstmal förmlich aus.
Ein ungläubiger Blick auf den Player: drei Minuten ist die Platte erst alt, da läuft immer noch der erste Song!

Mit ihren immensen technischen Fähigkeiten halten Protest the Hero auch auf ihrem dritten Album nicht lange hinterm Berg.
Was aber schon auffällt, bevor sich dieser Monsterbrocken langsam zu entwirren beginnt:
Die Kanadier spielen zwar immer noch ihren eigenen hyperventilierenden Progressive Metal, für den sich mindestens genauso viele Fans wie Feinde rekrutieren, haben diesen aber im Detail ganz schön umdekoriert.
Nach Kezia und Fortress zwar schwer zu glauben, aber: Luke Hoskin und Tim Milla schrauben ihr Gitarrengefrickel tatsächlich noch mal nach oben. Keine Sekunde von Scurrilous, in der nicht einer der beiden durch den Song grätscht oder auf der Überholspur nebenher fiedelt.
Dazu trommelt sich Moe Carlson einen Wolf, dass einem angst und bange wird. Nicht immer ist das unterhaltsam: stellenweise drohen die Songs sogar in seinem Double Bass Wahnsinn zu ersticken.
Aber das ist nun mal Prog an der Grenze zum egozentrischen Muckergewichse, hier darf jeder zeigen was er kann.
So auch Sänger Rody Walker. Dass dieser mit einer sensationellen Stimme begabt ist, weiß man schon lange, besser eingesetzt als auf Scurrilous hat er sie noch nie. Während seine Band zehn Songs in einen zerhackt, begibt sich Walker in gesangliche Höhen eines Cedric Bixler im Melodic Speed Metal Universum. Er verzichtet diesmal jedoch vollkommen auf jegliche Growlparts, wodurch Scurrilous weitaus gleichförmiger daherkommt, als seine beiden Vorgänger.
Außerdem durfte Walker diesmal alle Songtexte (mit Ausnahme von: C’est La Vie, Moonlight und Sex Tapes) selbst verfassen.
Und schießt der Platte damit förmlich in die Kniescheiben.
Plötzlich geht es bei Protest the Hero um “goddamn lovesongs“, diverse Breakups und sonstigen Herzschmerzfirlefanz in bestem Pokemon Englisch.
Das mag persönlicher sein als die Konzeptlyrics über Todeskandidatinnen und Göttinnen auf den ersten zwei Alben, treibt einem aber nicht selten ob der plumpen Wortwahl die Schamesröte ins Gesicht.

Wer darüber hinweghören kann, bekommt immer noch ein überzeugendes Protest the Hero Album inklusive leichter Standortneubestimmung.
Durch marginal einförmigeres Songwriting büßen die Fünf aus Ontario nur rudimentär an Klasse ein, erleichtern eventuell aber auch den Zugang zu ihrer reizüberflutenden Wahnsinnsmixtur aus Ion Dissonance, The Fall of Troy und Between the Burried an Me auf Speed.
Das findet man zwar ohnedies schnell mal beeindruckend, wer in Scurrilious jedoch keine Zeit investiert, findet nur oberflächlichen Zugang.
Trotz kleiner Schönheitsfehler und überragender Vorgängeralben ist auch Scurrilous wieder ein Musterbeispiel für modernen Metal mit einem Überschuss an Ideen, Spielwitz und technischer Finessen geworden.
Für Protest the Hero Verhältnisse zwar doch eine kleine Enttäuschung, generell aber immer noch deutlich stärker als der Progmetal Durchschnitt.

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