Neonliberal.at

Neonliberal.at

St. Vincent – Strange Mercy

Wieder einmal unfassbar stylish, wieder einmal äußerst clever und wieder einmal herzerweichend schön: Unter Hochglanzoptik versteckt Annie Clark zum dritten Mal erstklassige Kompositionen. Ein Album über Liebe soll ‚Strange Mercy‘ sein –  mit distanziert unter der Oberfläche kochenden Erotik.

Anfangs fällt dies jedoch kaum auf. Zuerst blendet das Drumherum – die unfassbar gedankenvolle Produktion von ‚Strange Mercy‚. All die mutwillig aneinander gefahrenen Spuren, die aufgetürmten Schichten, die facettenreichen Arrangements und die geschickt verschachtelten Ideen, die Annie Clarke da wieder zusammengebrütet hat. Die harten E-Gitarren über sanften Streichern. Die trockenen Beats über himmlischen Melodien. ‚Strange Mercy‚ strahlt wieder zu jeder Sekunde dieseirritierend unterkühlte Eleganz aus, die Clarke spätestens auf ‚Actor‚ etabliert, und die sie aus dem Polyphonic Spree Chor und Sufjan Stevens Background ins Bewußtsein geistreicher Indiehörer katapultiert hatte. Geholfen hat dabei wieder Tausendsassa und Produzentengenie John Congleton: Das dritte St. Vincent Album bedient gewohnte Hebel, abermals sind es die Richtigen.

Strange Mercy‚ gefällt sich darin, den falschen Ersteindruck zu übermitteln. Keiner der elf Songs ist tatsächlich so steril oder unterkühlt, wie Clarke weiß machen möchte. Ein klassischer Grower also, die Platte. Der hohe Qualitätslevel der Vorabsingle ‚Surgeon‚ wird dabei spielend gehalten, ebenso die Herangehensweise an die Songs. Sanfte Streicher werden vom vertrackten Drumcomputer in die Ecke gedrängt, ehe der Song an Fahrt gewinnt, Indiegitarren ins Boot holt und sich melodiös in vertonte PopArt verwandelt, dem sogar das Solo am Ende nicht zu verpönt ist. Clarke hält dabei die Zügel straf in der Hand und spottet: „I spent the summer on my back“ mit einschmeichelnder Stimme, ohne Hohn. Kunstvoll ist das und dankbarerweise nicht halb so verkopft, wie es eigentlich klingen müsste. Hier passiert soviel und dennoch klingt ‚Strange Mercy‚ jederzeit sauber aufgeräumt. Ein einziges, wunderbares Paradoxen, diese Platte.

Deswegen darf Clark im wunderbar verspulten Opener ‚Chloe in the Afternoon‚ auch trotz vertracktem Aufbau mit immens melodiösem Refrain aufwarten und über S&M Praktiken singen. Oder unter ‚Cruel‚ pumpende Beats legen, während sich im Vordergrund elegische Streicher rekeln und zackige Gitarren die Spannung aufrecht erhalten. ‚Hysterical‚ lässt irgendwo außerhalb der Platte einen nervösen Bollerrhytmus laufen, man lauscht der Party von nebenan, während Clarke mit engelhafter Stimme dazu schmachtet. Der Bandsalat rotiert am Höhepunkt von ‚Northern Light‘, wenn der Song so richtig an Tempo gewinnt. Den größten Refrain, den St. Vincent jemals hatte, ist da jedoch schon Geschichte: Niemals war ein Song mehr als Hitsingle abonniert als‘Cheerleader‚, diese verrucht aufgeladene Popnummer, die pompös und dennoch unschuldig elegant durch die Vordertür schreitet. ‚Strange Mercy‚ platzt vor wunderbarem Songwriting mit schicker Web 2.0 Aästhetik und Indie Schick. Das vereint die Anmut von Edith Piaf, das Talent von Kate Bush, das Herz von Björk, die Intimität von Bon Iver, die Cleverness von Radiohead und die Avantgarde-Tendenzen von Sufjan Stevens. St. Vincent lässt dabei den Sound von Indierockbands wie Deerhunter nicht außer Acht und formt aus all diesen und mehr Zutaten ihr ganz eigenes und mittlerweile etabliertes High-End Produkt. Den Faden von ‚Actor‚ nimmt sie dabei auf und spinnt das Geflächt souverän weiter. Zu ihrem bisher schönstem Album.

[amazon_link id=“B005775O5M“ target=“_blank“ ]’Strange Mercy‘ auf Amazon[/amazon_link]

No comments yet.

Add a comment

Finde uns auf Facebook