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Steven Wilson – Grace for Drowning

Neues aus dem Hause Wilson. Zum zweiten Mal veröffentlicht der Tausendsassa Musik auf Albumlänge unter eigenem Namen – und dann ist es gleich noch ein Doppelalbum geworden. Langsam ist die unfassbare Produktivität des Engländers zum Fürchten.

Sieht man sich das immense Pensum an, mit dem Steven Wilson seine Proggroßtaten unters Fanvolk wirft, kann einem schon mal schwummrig werden: Zum ersten wäre da natürlich seine Institution Porcupine Tree, mit der Wilson in regelmäßigen Abständen Tonträger und aufwändige Livemitschnitte unter die treue Gefolgschaft bringt. Dazu kommen seine Arbeiten an No-Man sowie Bass Communion und natürlich war dieses Jahr auch die dritte Blackfield Platte mit Aviv Geffen dran. Außerdem wäre da noch sein Engagement als Mixer des letzten Opeth Meisterwerks ‚Heritage‚ und im Kämmerlein werkelt Wilson mit dessen Mastermind Mikael Åkerfeldt schon am Release des für 2012 angekündigten gemeinsamen Projektes Storm Corrosion. Und irgendwann dazwischen hat der audiophile Autodidakt auch noch die Zeit, um den King Crimson Backkatalog zu remastern. Wie Wilson es zustande gebracht hat, aus seinem zweiten formellen Soloalbum in zwei Jahren deswegen auch noch ein Doppelalbum mit über 80 Minuten Spielzeit zu schreiben, bleibt für Normalsterbliche wohl ein Mysterium. Mindestens ebenso unglaublich: wieder einmal hält Wilson den gewohnt hohen Qualitätsstandard mühelos.

Da muss man auch nicht Erbsen zählen, weil ‚Grace for Drowning‚ genau genommen die so genannte Sammlung der beiden Alben ‚Deform to Form a Star‚ und ‚Like Dust I Have Cleared From My Eye‚ ist. Zumal die beiden Scheiben respektive Alben nicht nur getrennt voneinander funktionieren, sondern stilistische geschlossen ein fabelhaftes Gesamtbild ergeben. Auch, weil Wilson natürlich bekanntes Terrain beschreitet und liefert, was man als Fan entweder liebt, oder wohl niemals Zugang finden wird. Das beackert melodische Pianonummern (‚Grace for Drowning‚), ist manchmal mehr Soundscape denn Song (‚Secretarian‚) und gelegentlich schauen gar Industrial Gitarren vorbei (‚No Part of Me‚): ‚Grace for Drowning‚ ist eine beinahe typische Progrockplatte aus dem Hause Wilson geworden. Versetzt mit wunderbaren Melodien, ausgebreitet auf epische Songlängen (im längsten – aber tatsächlich kurzweiligen – Fall diesmal auf knappe 24 Minuten bei ‚Raider II‚) in denen von melancholischen Streichern hinter Wilsons butterweicher Stimme über konservierten Chorbreitwandeinsatz und gallige Keyboards bis zum zurückgenommenen Jazzexperimenten und atmosphärisch unheimlich dichten Scoreanfall alles drinnen ist. Zweierlei Dinge muss man dabei wohl nicht mehr erwähnen: Technisch ist ‚Grace for Drowning‚ wieder über alle Zweifel erhaben, Wilson weiß eben wie man Instrumente bedient. Und natürlich, wie man diese audiotechnisch zur Geltung kommen lässt. Die volle Magie dürfte die Platte jedenfalls erst bei High-End Anlage bringen – und einem dann aber in allen Facetten die Ohren wegpusten.

Natürlich geht es jedoch auch ohne eine solche. Denn das Gute an Wilson´s Gesamtkunstwerken ist mitunter auch, dass diese alle Stückerl spielen können, nicht aber zwangsläufig müssen. Dafür sind die Kompositionen schlicht zu gelungen, zu fesselnd, zu berührend. Was ja Wilsons größter Trick sein dürfte: Berauschende Kopfmusik zu schreiben, die den Verstand aufwühlt und das Herz doch nicht außen vor lässt. Muß man im Progrock ja oftmals mit der Lupe suchen. Wilson jedoch scheint das Patentrezept dafür gefunden zu haben, anders ist der Output des Worcaholics nicht mehr zu erklären. An über 40 Alben hat der Engländer in den letzten 20 Jahren gearbeitet – das ist die nüchterne Bilanz, die Wilson zum heutigen Tag vorzuweisen hat. Dass da in den nächsten Jahren noch einige mehr hinzukommen werden, dürfte ohne Zweifel anzunehmen sein. In Anbetracht der stetigen Qualität seiner Veröffentlichungen nicht die schlechtesten Aussichten.


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