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The Felice Brothers – Celebration, Florida

Die Felice Brothers klangen immer wie die Entsprechung von Bob Dylan als Band und schufen dabei mit ihrer prolligen Art sympathische Kleinode zwischen Folk-Rock und Country. Auf ihrem  vierten Studioalbum ist das manchmal noch immer so. Meistens klingen die New Yorker  aber eher, wie von allen guten Geistern verlassen.

Der gute Geist hörte für die Felice Brüder und ihre Band offenbar auf den Namen Simone Felice. Seit seinem Weggang zu The Duke & the King 2009 haben die verbliebenen Mitglieder um die Brüder Ian und James nämlich den irrsten Ideen Tür und Tor geöffnet, weswegen sich  Celebration, Florida als heterogenes Sammelsurium der Einflüsse gefällt – The Felice Brothers pumpen ihren folkigen Countryrock zu einem schier Ufer- und nicht selten auch konturlosen Monstrum der Stilvielfalt auf.

Da wird nicht lange mit Überraschungen hinter dem Berg gehalten. Gleich der Opener „Fire at the Pageant“ macht den Squaredance für Hip-Hopper, verschleppt Tempi oder übersteigert diese dann doch wieder und lädt dazu gleich noch den Kinderchor von nebenan ein. “Container Ship“ gaukelt gelungen vor, traditionell veranlagt zu sein,  ist der nebelverhangene Soundtrack zum verfluchten Hafen. Bis sich Industrialbeats einmischen und erst zaghaft, schließlich herrisch und das Ruder übernehmen.
Honda Civic“ beschreibt mit Ska-Trompeten und Harmonika einen Partyrocker, wie ihn selbst die Felice Brothers selten vorher zustande gebracht haben. Vielleicht weil hier alles so derart neben der Spur läuft und dennoch vertraut genug wirkt. So auch bei der ersten Single „Ponzi“ . Der Song groovt unerwartet sexy durch die Straßen, ehe er sich vom Pop in die Disco zerrt, Synthesizer und hart pumpende Beats und “Hey-Ho“ Gegröle inklusive.  Aus dem Club kommen die Brothers auch für „Back in the Dancehalls“ nicht, legen jedoch ihre Interpretation von Dubstep auf und  rufen gar zum  80er Revival, wo bis zum Captain Future Sound nichts fehlen darf. Eine bizarre Form des Electro Pop ist Celebration, Florida stellenweise, der in „Refrain“ schließlich seinen Höhepunkt und gelungenste Vollendung findet.
Soviel Stringenz kann sich das ziellose „Cus’s Catskill Gym“ nur wünschen, stockt stattdessen zwischen all seinen Ecken und Enden immer wieder, bevor es zum übermütigen Kindergeburtstag mutiert.

Celebration, Florida ist im Gesamten zu einem Rummelplatz für The Felice Brothers geworden, auf dem alles angegriffen und ausprobiert werden darf. Da funktioniert nicht immer – vieles tut es aber doch.
Zudem bieten die Brüder und ihre Freunde auch einige wenige  bekannte Punkte zum Festhalten.
Mehr als alles andere ist da natürlich Ian Felice`s Stimme. Die macht immer noch den versifften Bob Dylan, ist an Blood on the Tracks geschult und dabei immer noch so charakterstark und eindringlich, wie man sie kennt.  Am besten zur Geltung kommt sie ausgerechnet in den konventionellen Stücken der Platte – die es auf Celebration, Florida tatsächlich auch noch gibt.
Trotz seiner zerfahrenen Struktur und entrückten Bläsern ist etwa “Oliver Stone“ zur ziellosen Klavierballade über – Nomen est Omen – den Wall Street Regisseur und Vergänglichkeit geworden, die zwar nirgends hinmöchte, aber zumindest den Umweg über die bisherige Diskographie  geht.
In „Dallas„, „Best I Ever Had“ und „River Jordan“ spielen die Brothers zurückhaltenden, aber eindringlichen Country Folk Rock – was man ihn so wohl auf Albumlänge erwartet hätte -, wie ihn hunderte andere Bands auch spielen, nur dass sie das eben besser beherrschen, als das Groß dieser Bands. Authentisch, aus der Zeit gefallen und einfach grandios, wie die Felice Brothers dies mittlerweile im Schlaf aus dem Handgelenk schütteln. Was der Band jedoch langweilig geworden zu sein scheint – da mag man sich noch so sehr wünschen, dass die Burschen wieder konventioneller zu Werke gehen würden.

Mag Celebration, Florida die Form wichtiger sein als der Inhalt, gibt sich dieser doch stimmig. Das vierte Album der Band irritiert, verwundert und enttäuscht an vielen Stellen mit seiner teils unnötigen Experimentierfreude, wenn weniger doch mehr gewesen wäre. Ebenso oft überrascht das skurrile Machwerk  mit Wagnissen, die aufgehen und die Discographie der Band um einige Glanztaten erweitern zu vermag. Denn schlußendlich operiert Celebration, Florida mit durchwegs guten Songs am offenen Herzen ihrer bisherigen Tradidionsbewussten Veröffentlichungen an einer Perspektive für die Zukunft.
Gewichtiger als alles andere dürfte daher die Tatsache sein, dass sich die Felice Brothers freigeschwommen haben, von jedweden Genrekonventionen und Erwartungshaltungen.  Mehr noch: Nach Celebration, Florida muß man von denen  in Zukunft mit allem rechnen – Operation gelungen, Patient tot?


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