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The Horrible Crowes – Elsie

Brian Fallon von The Gaslight Anthem und Roadie Ian Perkins machen das, was in der Punkrock-Szene momentan in ist: ein Nebenprojekt. Das klingt so unverkennbar nach Boss, man möchte fast „Plagiat“ schreien.

Springsteen? Ja, genau der. Der Boss ist unverkennbar eines der großen Vorbilder der Szene, aus der Fallon und Perkins kommen. Die beiden wollten ein Album aufnehmen, dass nicht nur punkig draufhaut und nach emotionalen Post-Guthrie-Folksongs klingt, sondern etwas mehr den Spirit von Bands wie The National einfängt. Weil Fallon eben nicht das machen wollte, was all seine punkrockenden Kolleg_innen so machen: ein Akustik-Album. Fallon und Perkins wollten große, düstere Songs schaffen, die einen gefangennehmen mit ihrer morbiden Romantik und mystischen Tiefe. ‚The Horrible Crowes‘ waren geboren, der Weg zum Album gute acht Monate lang, die Erwartungen groß.

Das ist durchaus gelungen, wenn man den Einstieg hört. ‚Last Rites‘ ist ein Stück, das einen in seiner Atmosphäre gleich einlullt und irgendwo zwischen Tom-Waits- und Bruce-Springsteen-Painoballade steht. Das größte Problem von ‚Elsie‘ zeigt sich allerdings gleich mit Track 2, ‚Sugar‘, denn hier wird der Punkrocker Fallon entgültig zum Crooner – und scheitert. Denn ‚Sugar‘ ist so dramatisch aufgezogen, dass man Matt Beringer an der nächsten Ecke erwarten würde. Und dann ist da eben der Sänger von Gaslight Anthem. Und ich warte nur darauf, dass das nächste Stück ordentlich drauflos rockt. Wie das Fallons „große“ Band eben so macht. Aber das folgende ‚Behold the Hurricane‘ rockt zwar los, aber mehr, als würde The Edge seine Echo-Gitarren aufdrehen. Und Fallon’s Stimme, die so oft an den Boss erinnert, ist allgegenwärtig. Der „Oh oh oh, oh oh ooh oh“-Refrain ist Stadienrock pur. Da fehlt nur noch etwas das hingerotzte letzte Krümmelchen Punk, dass Fallon in seiner Hauptband noch hinterlies. Kommt aber nicht.

‚I witnessed a crime‘ ist dann eine einzige, flotte Verbeugung an den Meister Tom Waits, sogar der Stimmverzerrer dürfte eine entschärfte Version des Meisters sein. ‚Go tell everybody‘ bellt dann drauf los, ist rauer Rock und wird im Refrain wieder nicht zum „different kind of beast“, welches Fallon ankündigte. Da sind sie nämlich wieder, die runtergedrehten Gaslight Anthem. Die werden wir zwar mit ‚Cherry Blossoms‘ los, müssen aber mit Streichern, Slidegitarren und einem hauchenden Brian Fallon umgehen lernen. Das ist Tragik, die Lyrics triefend vor herzschmerzender Verzweiflung und Einsamkeit – „If I drove straight off this bridge / Only God and my baby would know / I’m sure she’d be laughing, conjuring spring / With some fella who just said the right thing“. Bemüht, aber nicht unbedingt schlecht. Das folgende ‚Ladykiller‘ ist wieder so ein Fall, den wir auch bei Fallons anderer Band hören könnten, wäre es ein wenig schneller, verzerrter. Ebenso ‚Crush‘, allerdings hat man hier ab und an das Gefühl, dass Brian Fallon zuvor ganz genau bei den R.E.M. der Neunziger hingehört hat. Die würde man für so einen Song allerdings nicht loben, sondern ihn als Lückenfüller abtun. Nett, nicht mehr.

‚Mary Ann‘ borgt wieder bei Meister Waits, lässt Orgel und Akkordion gegen Bluesgitarren antreten, stampft ordentlich und ist als Song vor der etwas lockereren Single ‚Black Betty & the Moon‘, wo wieder Springsteen seine Finger im Spiel zu haben scheint, fast so etwas wie dein Höhepunkt in der sonst so ideenlos zusammengeklaut scheinenden Realität der Horrible Crowes. Danach geht es bergab. Denn die Mischung aus Guns’n’Roses und Gaslight Anthem, hier ‚Blood Loss‘ genannt, nervt nach zwei immer gleich gebrüllten Minuten und der letzte Song ‚I believe Jesus brought us together‘ mit seiner Kirchenorgel und dem ultrachristlichen Text über Liebe nervt schlichtweg.

Eine knappe dreiviertel Stunde hat man dann hinter sich, und weiß nicht, was man sich denken soll. Die Ideen sind nett, aber geklaut, die Ausführung oft zu uneigenständig oder zu kitschig. Ich weiß, dass die Fans mir jetzt ganz vehemment widersprechen werden, aber das erste Horrible Crowes-Werk hat sich nicht gerade einen Platz unter Fallons guten Alben verdient. Viel mehr mutet es wie eine Covers & B-Seiten Sammlung an. Schade drum, das Potential wäre ja da. Aber so wie es ist, ist ‚Elsie‘ ein nettes Album. Aber auch nicht mehr.

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Klemens

Das Licht der Welt erst 1991 erblickt und schon so bitter.

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Comments (1)

  1. Pingback: Brian Fallon - Sleepwalkers - HeavyPop.at 7. Februar 2018 […] flotter aber nur bedingt energischer dem Spannungsfeld zwischen dem Horrible Crowes-Debüt Elsie und der bis dato aktuellen The Gaslight Anthem-Platte annähert. If Your Prayers Don’t Get To […]

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