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Radiohead – The King of Limbs

Und wieder schlagen sie aus dem Hinterhalt zu: Wie 2007 mit In Rainbows kommen Radiohead auch diesmal ohne große Umschweife zum Punkt.

Album fertig, vorbestellbar, als Datenpakete bekommt man das Ganze aber schon innerhalb von nicht einmal einer Woche.
Der größte Unterschied zur Vermarktung von In Rainbows: Diesmal gibt es festgelegte Preise. Offenbar hat sich für die wieder einmal auf eigene Faust operierende Band das „Pay whatever you want“ Konzept des Vorgängers nicht rentiert.
Ob Radiohead allerdings tatsächlich an ökonomischen Standpunkten orientieren, sei Angesichts des vorbestellbaren The King of Limbs Pakets in Frage gestellt. Denn wie genau man zwei Vinyl 10“ Platten, eine CD und “Many large sheets of artwork, 625 tiny pieces of artwork and a full-colour piece of oxo-degradeable plastic to hold it all together” inklusive Versand für unter €40,- anbieten kann, wird wohl bis 9. Mai ein vieldiskutiertes Geheimnis bleiben. Wer sich diesbezüglich nicht überraschen lassen möchte, wird The King of Limbs übrigens auch ab 25. März im Plattenladen um die Ecke finden.

Aber was wäre ein Radiohead Album schon ohne Überraschungen?
Denn nach Öffnen der Zip-Datei fällt zuallererst die Kürze des Albums ins Auge. Gerade einmal 8 Songs sprinnten in knapp 38 Minuten Spieldauer über die Ziellinie. Nach drei Jahren eine etwas schlanke Ausbeute,  außerdem gab es Ep´s von selbiger Gruppe die länger dauerten. Zudem fanden zahlreiche neue, unveröffentlichte Songs ( The Present Tense, Daily Mail, I Froze Up,…) nicht ihren Weg auf Album Nummer 8.
Und in Seperator heißt es dann auch noch: „ If you think this is over then you´re wrong”.
Kein Wunder also, dass sofort wildeste Hypothesen ob der möglichen Unvollständigkeit des Werkes aufflammten – Bonus Songs, zweite CD, wasauchimmer?
Spekulationen: Kein Novum im Radiohead Universum, man denke nur an die „In Rainbows und OK Computer sind ein Album“-Theorie rund um die Veröffentlichung des Vorgängeralbums.
Dabei spricht doch einiges dafür, dass The King of Limbs in seiner vorgelegten Form Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:
Mit annähernd 40 Minuten Spielzeit sind zwei 10“ Platten gut gefüllt, zudem gaben die Engländer schon lange bekannt, Abstand vom Albumformat nehmen und sich eher der Veröffentlichung von Singles und Ep´s zuwenden zu wollen.
Viel Wahrscheinlicher ist also wohl eher eine weitere Veröffentlichung in absehbarer Zukunft. Man kann davon ausgehen, dass sich in den letzten drei Jahren weitaus mehr Material angesammelt hat, als nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Vielleicht darf man ja gar auf einen Schnellschuss wie seinerzeit bei Amnesiac hoffen.
Doch Raum für Hypothesen bleibt in jedem Fall zur Genüge:
Warum heißt Mouse Bird Dog plötzlich Seperator und beschließt das Album zudem? Warum ist die downloadbare Datei mit TKOL1 bezeichnet – existieren gar weitere Parts?
Und ist man erst einmal soweit in diesem Tunnel, findet man sich in wildesten Spekulationen wieder: Längst sei mit dem Download eine weiter Datei auf der Festplatte mitinstalliert worden, die sich zu gegebener Zeit öffne. Oder dass The King of Limbs schlussendlich aus drei verschiedenen Alben bestehe: Der Download, die CD und die Schallplatten würden jeweils verschiedene Songs enthalten…
Radiohead bieten eben auch abseits ihrer Musik großzügigen Nährboden, für solche Gedankenspielereien.

Aber richtig, der eigentliche Grund um die Hysterie war da ja auch noch; die Musik.
Etwas, dass man ob des gesamten Brimborium um eine neue Radiohead Veröffentlichung leicht vergessen kann.
Es kann aber eben nicht einfach außer Augen gelassen werden, dass Radiohead mit jeder neuen Veröffentlichung nach weiteren Superlativen verlangten. Egal ob aufgrund musikalischer Wahnsinnstaten, totaler Verweigerungshaltung, punktgenauer Erwartungshaltungsumschiffung oder innovativer Veröffentlichungspolitik.
Von Neuveröffentlichungen der Abingdoner erwartet man mittlerweile, dass sie ein bisschen mehr sind, als bloß Musik. Einen bei Erstkontakt entweder erschlagen oder überraschend aus den Schuhen hauen.
So auch bei The King of Limbs.
Und, wenig verwunderlich: Wieder gelingt dies.
Ebenfalls wenig verwunderlich: Wieder auf unerwartete Weise.
Denn nach erstmaligen Durchgang hinterlässt The King of Limbs zwar ratlos, allerdings Marke:
Und das war´s jetzt?

Broom beginnt mit einem gespenstischen Klavierloop, lässt bald Beats zu und schlängelt sich geradezu hypnotisch Richtung Dubstep. Dass Thom Yorke eine Obsession für Burial, Four Tet und Konsorten hat, weiß man. Klarer zu tragen ist sie allerdings auf noch keiner Radiohead Veröffentlichung gekommen. Ein Malström von einem Song, der durch stets um sich selbst kreist und seine Energie aus klitzekleinen Variationen der ihm zugrunde liegenden Loops und Soundspielereien bezieht.
Den eingeschlagenen Pfad geht Morning Mr Magpie konsequent weiter. Seit 2002 hat der Song einige Phasen durchlaufen, mittlerweile hetzen hier verschleierte Gitarren und ein holpriger Beat um die Wette, während der Bass immer wieder in die Bahn grätscht. Thom Yorke singt dazu, als läge er noch im Bett.
In Little By Little läuft Melodie und Rhytmik gegen abendländische Hörgewohnheiten Sturm.
Hier schlurft alles ein wenig neben der Spur, dazu trommelt sich Phil Selway außerhalb des Rampenlichts mal wieder einen Wolf. Warum weißt man nicht öfter darauf hin, was für ein unfassbar guter Schlagzeuger der Mann doch ist? Wie auch immer: Ein Hit von einem Song!
Ganz anders das nachfolgende Feral. Verfremdete Gesangsfetzen geistern um hektische Beats und hyperaktiv schunkelnde Bässe, das gleicht einer Disco im Spukschloss. Und vor allem eher einem tanzbaren Interlude denn einem vollwertigen Song.
Dennoch beschließt Feral die erste Hälfte des Albums, auf welchem Radiohead viele aktuelle Strömungen der britischen Musikkultur aufnehmen und verarbeiten, gleichermaßen perfekt, wie es zudem den Weg zur ersten Single von The King of Limbs ebnet.

Lotus Flower wird wohl in erster Linie als der Song mit dem sensationell idiotischen Video in Erinnerung bleiben. Dabei bringt es der tanzende Thom Yorke eigentlich auf den Punkt. Der Song hat soviel Rhythmus im Blut, dass man fast nicht stillsitzen kann. Dazu eine groovende Basslinie, ein paar Effekte, keine Gitarren und traumhaft schöne Vokals. Mehr braucht es wohl nicht zu einem Radiohead Instant Hit.
Wo man schon beim Thema ist: Ebenso einer ist auch Codex geworden. Wenn auch auf ganz andere Art und Weise. Eine reduzierte Klaviernummer. Coldplay hätten hieraus wohl eine schmalztriefende Ballade für gefühlvolle Stadiontiger gebastelt, Radiohead balancieren zwischen tiefer Melancholie und leiser Hoffnung.
Klaustrophobisch, berührend, wunderschön.
Give Up The Ghost nimmt das Tempo dann nahezu komplett raus. Eine Verschnaufpause am Lagerfeuer mit Akusstikklampfe. Eine ebenso gespenstisch entrückte wie hypnotisches Komposition.
If you take this as only in your heart” singt Yorke im bereits erwähnten Abschluß Seperator. Ein stolpernder Beat stellt die Grundlage für einen wahrhaft erhabenen, ergreifenden Song. In der Zielgeraden sprinten gar noch Gitarren nebenher und spätestens hier sollte einem auffallen, welche sensationelle Arbeit Nigel Godrich mal wieder geleistet hat. Tausend kleine Details finden sich auf The King of Limbs, bei jedem Hördurchgang gibt es neue Facetten zu entdecken. Eine traumhafte Produktion!
Und wenn Thom Yorke schlussendlich skandiert „Wake me up, wake me up” ist der Spuk auch tatsächlich schon wieder vorbei.

Haben die ersten vier Songs wieder einmal Radioheads experimentelle Seite beleuchtet, geht die zweite Albumhälfte nahezu konventionelle Wege. Hier findet sich nichts, was Radiohead nicht schon vorher gemacht hätten. Dass es für bandeigene Maßstäbe hier relativ innovationsarm zugeht, sagt nichts über die eigentliche Qualität der Songs aus. Zwar bewegt man sich auf sicherem Boden, allerdings eben auch mit einer nahezu somnambulen Sicherheit und dem sprichwörtlich sechsten Sinn für Hits.

Und dennoch: Die ersten Hördurchgänge hinterlassen etwas ratlos und auch ein wenig enttäuscht. Ob es daran liegt, dass Radiohead sich diesmal nahezu ausschließlich auf sicherem Terrain bewegen und wenig wirklich Innovatives vorzuweisen haben? Daran, dass man The King of Limbs anfangs fast schon als Thom Yorkes zweites Soloalbum wahrzunehmen verleitet ist, ob der teilweise gerade einmal dezenten Anwesenheit der restlichen Bandmitglieder? Dass hier ein Album vorliegt, das regelrecht unkomplex anmarschiert, geradezu brachial für Radioheadverhältnisse? Bei einer Spielzeit von unmerklich über einer halben Stunde unwesentlich mehr vorgibt als manche Ep? Dass Radiohead schlicht und einfach schon bessere Songs geschrieben haben?

Sei es wie es sei. Betrachtet man The King of Limbs selbst ohne rosa Fanbrille, bekommt man dennoch ein Album, dass für sich genommen spannender, mutiger, aufregender und auch einfühlsamer ist, als ein Großteil aller veröffentlichten Platten von Bands ähnlicher Größenordnung. Sieht man es innerhalb der Radiohead Discography muss man wohl von einer kleinen Enttäuschung sprechen.
Findet sich paradoxerweise auch kein Gramm Fett unter den 38 Minuten, kein schlechter Song, mag Qualität hier in Punkto Spieldauer auch vor Quantität gehen, ein sauerer Nachgeschmack entsteht. Allerdings schwindet dieser mit jedem Hördurchgang. Und die Anzahl dieser steigt, auch dank der kurzen Spielzeit.
Immer mehr Details tun sich auf. The King of Limbs wächst – ans Herz.
Wer sucht, findet hier den kleinen Bruder von Amnesiac.
Wenn dieses Album also scheitert, dann höchstens an den Erwartungshaltungen des Hörers.

07

 

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