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The Rapture – In The Grace of Your Love

Die ehemals beste Dance Rock Band des Planeten folgt dem vor fünf Jahren auf ‚Piesces of the People that we Love‘ eingeschlagenen Weg und unterstreicht den Dance doppelt auf ihrer erst vierten Platte in knapp elf Jahren. Rock kommt hier mittlerweile nur noch an zweiter Stelle – Ist man eben eine der besten Disco Bands des Planeten.

Wen kümmert es, wie lange es braucht, bis eine neue Platte erscheint? Wenn diese wirklich gut ist, wird man sich Jahre später nur noch daran erinnern – und nicht, wie lange die Band gebraucht hat, um die Platte aufzunehmen!“ Als Luke Jenner dies 2006 zur Veröffentlichung des dritten Albums und gefühlten Zweitwerks der Band (das tatsächliche Debüt ‚Mirrors‘ von 1999 darf man vernachlässigen) ‚Piesces of the People that We Love‚ verlautbaren ließ, lagen bereits drei Jahre zwischen ‚Echos‚ und seinem Nachfolger. Schier eine endlose Zeit, wenn man bedachte, dass The Rapture mit ihrem visionären Meisterwerk Pionierarbeit geleistet hatten, den sogenannten Dance-Punk auf Kurs gebracht und in weiterer Folge den Siegeslauf von moderner, organischer Tanzmusik vorweg genommen und Bands wie LCD Soundsystem auch in Indie-Kreisen salonfähig gemacht hatten – und in Abwesenheit der New Yorker Formation Bands wie Franz Ferdinand die Früchte einfuhren, die The Rapture gemeinsam mit Artverwandten wie Radio 4 oder !!! gesät hatten.
Recht hatte Jenner damals natürlich, auch wenn ‚Piesces of the People that We Love‚ das schwere Erbe des überragenden Meisterwerks ‚Echoes‚ nur bedingt antreten konnte. Ob er damals jedoch im Sinn hatte, seine Band danach erst einmal fünf Jahre einzumotten, darf bezweifelt werden.

Anders ging es allerdings wohl nicht. The Rapture mussten seit 2006 durch einige persönlich wie künstlerisch turbulente Fahrwasser kurven. 2008 stieg Jenner aus und kam wenig später wieder retour, 2009 ging Bassist und Co-Frontmann Mattie Safer unwiederbringlich über Bord. Zu sehr spalteten die beiden markanten Egos von The Rapture die Band in Stimmung und Songwriting. Deswegen ist die Gang nun als Trio unterwegs und zahlreichen Unkenrufen zum Trotz ist es doch noch etwas geworden, mit dem langersehnten vierten Album – noch dazu kehrte die Band in den Heimathafen von James Murphy´s DFA Label zurück:  Dorthin, wo die Erfolgsgeschichte von The Rapture begann. Fünf Jahre Abwesenheit sind dabei aber selbst für gängige Zeiträume zwischen Veröffentlichungen eine lange Zeit. Dass The Rapture für ihre dritte Platte ausgerechnet den Cassius Musiker Philippe Zdar als Produzenten holten, darf dabei nicht falsch gedeutet werden: Natürlich war dieser maßgeblich daran beteiligt, dass die Franzosen von Phoenix die uneingeschränkte Supermacht in Sachen elektronischer Popmusik mit geschwungenen Tanzbein geworden sind – Trends hinterherzuhecheln ist jedoch immer noch nicht die Sache der New Yorker. Viel eher darf man annehmen, dass ihnen auf ‚In the Grace of Your Love‚ besser denn je gelingt, was schon immer die Grundidee hinter The Rapture war: Die nahtlose Hochzeit von elektronischer Tanzmusik mit organischem Bandsound. Natürlich darf man behaupten: ‚Echoes‚ wird immer ihr makelloses Meisterwerk und wohl nicht mehr erreichbarer Zenit bleiben, doch waren 2003 die Grenzen zwischen den Polen klarer gezogen, fließt 2011 The Rapture´s Definition von Tanzmusik ohne Hindernisse mit seinen inspirativen Nebenflüssen zu einem mitreißenden Ganzen zusammen. Auch, weil The Rapture, die analoge Band zugunsten von The Rapture, den Knöpfchendrehern, in den Hintergrund tritt.

Erst einmal wirkt ‚In The Grace of Your Love‚ dadurch wie eine hochelegante Discoplatte, auf der die Beats sauber dahin pumpen und Luke Jenner fragwürdig tiefgründige Texte über die jüngsten Jahre seines Lebens mit prägnant quiekender Stimme intoniert. The Rapture scheinen endgültig den Style vor den Inhalt gestellt zu haben. Und natürlich glänzt ‚In the Grace of Your Love‘ dementsprechend, platzt vor Tanzbodenfüllern und knalligen Hits – nur so wirklich berühren will das nicht. Vorerst. Denn auf der emotionalen Schiene kriegen einen The Rapture erst später. Wenn die Platte längst auf Heavy Rotation läuft, weil das doch alles zu schmissig und verdammt mitreißend ist, um es wieder wegzuschalten. Aber man schon nicht mehr umher kommt, jedem der elf Songs zuzugestehen, süchtig machende Rhytmusmonster zu sein, die weder altbacken noch modern daher kommen und doch gleichermaßen anachronistisch wie visionär wirken. Wenn die Guns N‘ Roses Rock-Gitarren in ‚Rollercoaster‚ nicht mehr bizarr, sondern nur noch knallig erscheinen. Wenn ‚Blue Bird‚ vom scheppernden Beatklumpen zu einer Beach Boys affinen Stranddisconummer angeschwollen ist und der dröhnende Ziehharmonika Wahnsinn von ‚Come Back to Me‚ zum abgefahrensten Clubbouncer überhaupt mutiert ist und die Handclaps von ‚Miss You‚ schon auch von einem selber kommen. Weil man dann natürlich längst gemerkt hat: The Rapture haben auch auf ‚In the Grace of Your Love‚ wieder Unmengen an Herzblut und Hirn gesteckt – nur dass diesmal eben unter einer noch eleganteren Oberfläche.

Darunter brodelt natürlich immer noch der Spirit der tanzenden Avantgarde Band, wenn auch mit weniger Kanten als bisher. Sei es eben der seltsam verrückte Snare Beat in ‚Blue Bird‚ oder das vollkommen aus der Reihe gesampelte Akkordeon in ‚Come Back to Me‚: So wie The Rapture Tanzmusik interpretieren, macht das niemand. Oder wer bringt sonst noch Trompetenexzesse und Jazzanleihen ins Spiel, wenn es darum geht, den Dancefloor zu füllen? Und den souligen  Motown-Rauswerfer ‚It Takes Time to Be A Man‚ muss man ihnen da trotzdem erst einmal nachmachen. Dabei gelingt der geschrumpften Band das Kunststück, jeden Song vollkommen individuell auszuleuchten und im Songwriting doch geschlossener zu wirken, als auf dem zerfahrenen Vorgänger.
In the Grace of Your Love‚ ist stilvoll, aber mit Punkspirit  im Herz. Elektronische Tanzmusik, die organische Musik augenscheinlich nahezu vollends assimiliert hat und deren Charakteristika dennoch essentiell aufrecht erhält. The Rapture spielen Disco Musik mit den neuen alten Mitteln des Rock´n Roll homogener aber auch gradliniger als je zuvor und sind damit brilliant unterwegs, wie seit ‚Echoes‚ nicht mehr; The Rapture klingen immer noch wie die Band, die vor Acht Jahren den Durchbruch geschafft hat – und dennoch vollkommen verändert. So wichtig wie einst sind The Rapture nicht mehr, auf ähnliche Weise aber immer noch annähernd so gut. Oder wie Luke Jenner das sagt: „Es ist wirklich süß, als Erfinder irgendeiner Szene bezeichnet zu werden. Aber ich spiele lieber in einer wirklich guten Band.

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