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Colin Stetson – New History Warfare Vol.2: Judges

Saxofonist Colin Stetson? Sagt einem namentlich wahrscheinlich nichts – aber wetten, man hat mehr von dem Mann im Plattenschrank als man meinen möchte?

„New History Warfare Vol.2: Judges“ – Colin Stetsons

Man schlage doch einfach mal bei den beiden Tom Waits Alben aus dem Jahre 2004 nach. Oder dem letzten TV on the Radio Output. Oder einem beliebigen Arcade Fire Werk.
Auch Live könnte man ihn schon gesehen haben. Etwa mit Bon Iver, Feist, LCD Soundsystem oder David Byrne.
Oder aber  im Vorprogramm von den wieder auferstandenen Godspeed You! Black Emperor.

Nicht die einzige Verbindung zu dem legendären Postrock Kollektiv aus Kanada, wie das zweite Soloalbum des Multiinstrumentalisten offenbart: Mittlerweile ist Stetson nicht nur bei deren Stammlabel Constellation Records untergekommen, sondern ließ New History Warfare, Vol 2, Judges auch gleich vom Godspeed/Silver Mt. Zion Mastermind Efrim Menuck aufnehmen. Dass es auch dessen Verdienst ist, dass Vol.2 weitaus geschlossener und als Album schlüssiger wirkt als der Vorgänger von 2009 darf in Betracht gezogen werden.
Fest steht hingegen, dass Colin Stetson auf seinem zweiten Alleingang ohnedies einfach alles richtig macht.

Theoretisch ist New History Warfare, Vol 2, Judges im weitersten Sinne ein Jazz Album geworden.
Praktisch ist es aber der verstöhrendste, deprimierendste und finsterste Brocken Musik, den man seit Langem serviert bekommen hat.
Da ringt man mit Begriffen wie Avantgarde oder Ambient, vor dem Inneren Auge hat man Bilder von David Lynchs Lost Highway, auch zu Bohren & der Club of Gore ist es nicht weit.
Vierzehn fordernde Kompositionen versammelt Stetson, die kaum ein Sonnenlicht durchlassen. Einzige Lichtblicke in zwischen diesen deprimierenden Songklötzen sind die spärlichen Gastvocals von Laurie Anderson und Shara Worden. Sie sind es, die Judges am augenscheinlichsten von der reinen Freakmusik zum Freunde erschrecken in Richtung stringentes Album führen.

Über allem thront aber nach wie vor das beeindruckende Können Colin Stetsons.
Wann hat man verzweifeltere Saxofone gehört, wann erhabenere Waldhörner?
Und diese vereinzelten Beats? Schnalzt er simultan zu seinem Spiel!
Überhaupt: Eingespielt hat Stetson dies alles Live, ohne Mitmusiker, um ihn nur 20 Mikrofone aufgebaut. Nicht ohne Stolz verkündet er im Booklet “No Loops, No Overdubs Used“. Hätte man es nicht selbst gesehen, dass Stetson dies alles zeitgleich zu spielen versteht, man würde es nicht glauben wollen.

Der vielleicht größte Fortschritt zum direkten Vorgänger besteht deswegen auch darin, dass sprachlos machende Ereignis Colin Stetson auf Konserve besser funktionieren zu lassen.
Das Ergebnis dient nicht mehr ausschließlich als Dokumentation handwerklicher Kunst, sondern diese stellt sich Ganz in den Dienst der Kompositionen.
Ein Liveauftritt bleibt vorzuziehen, New History Warfare, Vol 2, Judges ist allerdings dennoch gleichermaßen eine Machtdemonstration wie auch ein Versprechen an eine verheißungsvolle Zukunft Stetsons geworden.

Ein verzweifeltes, dunkles Album. Atemberaubend visionär.
The Shape of Jazz to Come?

(9/10 Punkten)

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