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Thrice – Major/Minor

Was zuerst auffällt: Das siebte Album der Kalifornier verfolgt den auf ‚Beggars‘ eingeschlagenen Weg weiter. Und: Es ist demnach natürlich nicht so hart, wie im Vorfeld gemunkelt wurde. Außerdem: Irgendwie hat man das alles schon mal ähnlich von den „neuen“ Thrice gehört – soll man also enttäuscht sein? Diese Platte lässt ersteinmal ratlos zurück. Und nachdem sich ‚Major/Minor‘ als unfassbarer Grower erwiesen hat: Steht man plötzlich wiedereinmal mit einem besten Thrice Album da!

Was wurde nicht alles angekündigt im Vorfeld! Als Haupteinfluss der Platte wurden etwa die Mathcore- Legende Botch ins Spiel gebracht, Produzent Dave Schiffman (der bereits auf dem 2005er Album ‚Vheissu‚ als Audio Engineer dabei war und auch ‚Beggars‚ 2009 gemixt hatte) dachte, die Band wolle ein Grunge Album aufnehmen. Dass ‚Major/Minor‚ so hart sei, wie das Frühwerk der Band, war ebenso zu lesen. Schlußendlich ist natürlich anders gekommen. Thrice verfolgen auf ‚Major/Minor‚ konsequent den Weg weiter, den sie auf ihrer großen Richtungskorrektur ‚Vheissu‚ eingeschlagen und auf  dem großartigen (und zu Unrecht vielerorts als nur soliden abgestempelten) ‚Beggars‚ ausgebaut haben. Die Erfahrungen der Ep-Sammlung ‚The Alchemy Index‚ finden musikalisch hingegen nur wenig Nährboden. Und doch ist ‚Major/Minor‘ wieder härter als seine Vorgänger, stellenweise gar brachialer.

Thrice finden 2011 zurück zu konkreteren Riffs, bauen ausladende Songs auf einfacheren Songstrukturen, die von der impulsivsten Gitarrenarbeit der Band seit Jahren angetrieben werden. So eröffnet ‚Yellow Belly‚ mit ungewohnter Heftigkeit, allerdings weit entfernt von der selben Aggressivität, welche die Band auf ihren Frühwerk (also bis ‚The Artist in the Ambulance‚) ausgestrahlt hat. Stattdessen regiert hier düstere Schwere, Dustin Kenrue zieht den Song lyrisch noch weiter hinunter, singt sich inbrünstig und beseelt durch den Songbrocken. Nicht nur wirken Thrice im gesamten als Band gereifter, vor allem Kenrue fügt einer in schweren Zeiten entstandenen Platte textlich nocheinmal eine tiefere Ebene hinzu. So erdrückend der Beginn, öfnnen sich Thrice danach zumindest musikalisch stückchenweise der Sonnenseite: ‚Promises‚ und Blinded‚ sind mittlerweile klassische Bandkompositionen: Superbe Rocker mit großartigen Melodien und Bombenrefrains, vertrackt und doch eingängig, nach vorne treibend und gleichermaßen in sich ruhend, wie das nur Thrice hinbekommen. ‚Major/Minor‚ macht dabei auch nicht viel anders, als seine Vorgänger, gaukelt so beinahe Stillstand vor, variert seine Vorzüge jedoch im Detail. Das lässt anfangs vieles bekannt erscheinen und versteckt seinen Fortschritt in erster Linie in der exzellenten Produktion. Zusätzlich macht sich das Songwriting für ‚Major/Minor‚ homogener als auf allen bisherigen Alben. Aufgrund der Rückbesinnung auf augenscheinlich simplere Aufbauten, wirkt das siebte Thrice Werk deswegen gerne zu gleichförmig. Und tatsächlich präsentiert sich die Band nicht derart vielseitig wie auf dem dynamischeren ‚Vheissu‚. Erst nach und nach entpuppt sich diese mutmaßliche Unbeweglichkeit als weiterer Pluspunkt der Platte. Ohne auf tatsächliche Hits abzuzielen, haben Thrice ein Album ohne Ausfall abgeliefert, das bisher wohl geschlossenste ihrer Karriere.

Beggars‚ war demnach kein Luftholhen, sondern Steilvorlage. Und doch macht ‚Major/Minor‚ seine Sache dezent besser. Ausbrüche finden nicht nach unten statt, Songfavoriten rotieren konsequent und mit jedem Durchgang. Von „typischen“ Thrice Songs wie ‚Call It in the Air‚ oder ‚Words in the Water‚ kann es freilich nie genug geben, das strotzt vor strukturiertem Groove und lässt trotz all dem unterschwelligen Druck Optimismus zu. Nichtsdestotrotz finden sich für ‚Major/Minor‚ einige Songs, die selbst die vier Kalifornier noch nie derart atemberaubend hinbekommen haben, die das bisherige Schaffen toppen:
Neben dem eröffnenden, triumphalen Dreier geht ‚Blur‚ konsequent nach vorne, erzeugt immense Spannung in der bis dahin vordergründig atmosphärisch dichten Platte. Übermenschlich der Schlußakt:  ‚Disarmed‚ ist mit wunderschöner Gitarrenarbeit der traditionell starke Schlußsong einer Thrice Platte, baut entspannt und ausladend sensationell den unwahrscheinlichen Druck ab, den das Highlight der Platte davor erzeugt hat: ‚Anthology‚ vereint die Stärken jeder Thrice Phase, ist eine Hommage an die eigene Vergangenheit und erhabene Standortbestimmung gleichzeitig. Ein Song als atemberaubende Machtdemonstration und die Krönung der bisher konstantesten Leistung auf Albumniveau. Da macht es natürlich auch nichts, dass geschürte Erwartungen nicht erfüllt werden. Weil Thrice endgültig und weiterhin in ihrer eigenen Liga spielen, es offenbar einfach nicht mehr unter dem Beinahe-Meisterwerk machen.

 

 

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Comments (1)

  1. Pingback: Thrice – Anthology - HeavyPop.atHeavyPop.at 30. Oktober 2012 […] des vorübergehenden Abschieds, weil Thrice nach dem wieder einmal grandiosen ‘Major/Minor‘ im letzten Jahr vorerst den Stecker gezogen haben und als Nachklang ein letztes mal […]

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