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Tom Waits – Bad as Me

Tom Waits vergleicht ‚Bad As Me‘ mit einer Verpackung für Eier, viel eher sollte er jedoch den Pralinenschachtel-Vergleich bringen. Das erste Album mit neuem Material seit sieben Jahren macht sich einen Spaß daraus, seine zwölf Auswüchse mutwillig miteinander kollidieren zu lassen und zeigt Waits in ausgelassener Partylaune: Wer das als pures Selbstzitat abkanzelt, übersieht sein bestes Werk seit ‚Mule Variations‘!

Am Ende einer der paradoxerweise wahrscheinlich  kompaktesten Waits Alben überhaupt bricht plötzlich ‚Auld Lang Syne‚ mit Gänsehaut in den Albumcloser ‚New Years Eve‚ – einfach, weil sonst kein Refrain da gewesen wäre, sagt Waits. Ein überdeutlicher Beweis für die pragmatische Herangehensweise der jüngst in die Hall of Fame aufgenommenen musikalischen Vagabundenlegende. Eigentlich hätte er zwar auch lieber 19 Songs auf die Platte gepresst, der Platz wäre ja da – durfte er dann aber nicht. Weil Produzentin, Muse und Ehefrau Kathlenn Brennan als zweiter Part des kongeniale Songwriterduos es verboten hatte. Die ausgegebene Devise lautete: 12 Songs, auf den Punkt gespielt müssen sie sein ohne lang rumzufackeln, am besten allesamt drei Minuten lang. Weitestgehend hält sich Mustergatte Waits nun an diese Vorgaben. Was gehörig daneben gehen hätte können , beschert jedoch ein fulminantes Dacapo nach sieben Jahren Abwesenheit, in denen das brillante ‚Orphans: Brawlers, Bawlers & Bastards‚ trotz seiner Fülle den Hunger nach neuem Material des Meisters nicht stillen konnte. Gleiches galt für den Mitschnitt ‚Glitter and Doom Live‚, welcher Waits zu verschiedensten Schaffensphasen seines Lebens zeigte. Wie es ‚Bad as Me‚ im Grunde eigentlich auch tut.

Denn Alles auf dem siebzehnten Studioalbum klingt vertraut: Das ist Bluesrock oder Rhytm & Blues oder Jazz oder Rock oder einfach klassische „Tom Waits-Musik“ mit verstimmten Instrumenten, rumpelndem Schlagzeug und einem seine Stimmbänder malträtierenden Sänger. Die Virtuosität steckt in der Schlagseite und Captain Beefheart lächelt selig von oben herab. Es geht jedoch auch noch klassischer: ‚Kiss Me‚ spannt den Bogen mit verzerrter Sicht und mit 61 Jahren gar zurück zu Zeiten als Waits noch den vagabundierenden Barpianosten und Jazzfan in den 1970ern gegeben hat. Waits reüssiert surreal durch verträumte Gitarrenschwaden aus zigarrenverhangenen Räumen, das Piano klimpert hoffnungslos daneben her. Ein Höhepunkt unter Höhepunkten und dennoch herausragend: Marcus Shelby zupft den einsamen Bass, mehr Personal braucht Waits für die Nummer nicht. Dabei geben sich die Gäste praktisch die Klinke in die Hand: neben alten Bekannten wie Charlie Musselwhite an der Mundharmonika oder Marc Ribbots und Los Lobos` David Hidalgo als Gitarristen zwischen tiefstem Amerika und glühenden Mexico spielt Toms Sohn Casey die immer wieder Richtung Hip-Hop schielenden Drums. Am Bass taucht mal Red Hot Chili Pepper Flea auf, mal Primus Mastermind Les Claypool. Am prägnanteten: Samt eigenem Gitarrenanhänger und Butler wurde Rolling Stones Fratze Keith Richards angekarrt, der ‚Bad as Me‚ nicht nur mit dem spannungsgeladenem Geshredder in ‚Hell Brake Luce‚ seinen Stempel aufdrücken darf – freilich im Sinne des Blues, der die Stones in ihren Anfangstagen beflügelt hat.

Der dank dafür ist Spott und Hohn, von wegen ‚(I Can’t Get No) Satisfaction‚ – Waits belehrt „Mr. Jagger and Mr. Richards“ in ‚Satisfied‚ spuckend, gurgelnd: „I will be satisfied before I´m gone!“ Der Mann kratzt sich nur, wo es ihn juckt. Und es juckt überall: Als bluesbeseelte Drag-Queen verkleidet  in ‚Talking at the Same Time‚, dass reverbschwanger so auch in Twin Peaks für Tränen gesorgt hätte und Tom Waits in seit ‚Temptation‘ nicht mehr gehörten Tonlagen zeigt; als heimatloser Junge, der im Trauerspiel ‚Pay Me‚ dafür bezahlt wird, seinem Zuhause nicht zu Nahe zu kommen; als locker-hysterischer Rock´n Roller in ‚Get Lost‚ verfolgt er das ausgegebene Konzept hinter ‚Bad as Me‚ am kompromisslosesten; im selbstmitleidig rührenden Trauerspiel  ‚Last Leaf‘ oder als entspannter Urlauber in “Back in the Growd‚ dürfen auch immer wieder Ruhepole stattfinden; seine Vorliebe für Rap und Hip-Hop unterstreicht die Vorabveröffentlichung ‚Bad as Me‚ mit Mülltonnenschlagzeug: „No good you say? Well, that´s good enough for me. You´re the same kind of bad as me.“ greint Waits: Studioalbum Nummer 17 ist eine einzige wilde Party zu Ehren der eigenen Karriere, sturzbesoffen.

Die Songs purzeln übereinander her, prügeln sich und trinken dann doch einen miteinander. Denn mutwillig an die Wand gefahren wird auf ‚Bad as Me‚ nichts, Schönklang darf auch Schönklang bleiben. Waits tobt sich im Blues und Jazz aus, zelebriert seinen skelletierten Rock als handbeklatschten Gospel für den Tag des jüngsten Gerichts. Sampelt für die Army Spottrede ‚Hell Brake Luce‚ Machinengewehrsalven vor marschierenden Massen und klatschenden Rhythmen, malträtiert im Horrororgelnicker ‚Raised Right Men‚ das Bambusrohr wie ein Wahnsinniger und bekommt den hektischen Verfolger in ‚Chicago‚. Lädt Streicher und Trompeten und Harmonika und Dinge, die so nie als Instrument gedacht waren zu seiner Party im Irrenhaus und brüllt, gröhlt, keucht, singt dazu, wie nur Waits das in all diesen Facetten kann. ‚Bad As Me‚ ist natürlich eine Reminiszenz von Tom Waits an Tom Waits, hat aber so gar nichts von einem altersmüden Spätwerk und schon gar nichts von uninspierierter Wiederholung. Denn ‚Bad As Me‚ ist permanent  hungrig, beißend, eindringlich, entrückt und dann wieder rührend, einfühlsam, sentimental, ja geradezu schön.  In seiner instrumentalen Maßlosigkeit und permanent wechselnden Ausrichtung auch beeindruckend schnörkellos und zielorientiert: „Get in, get out. No fucking around.“ eben. ‚Bad as Me‚ findet sein Heil nicht im Suchen neuer Wege, sondern im Ausleuchten der bekannten Stärken und der konsequenten Hervorhebung der Schönheit von Waits/Brennan Kompositionen. Die Rückkehr des durch die Gegend kurvenden Geschichtenerzählers ist eines der unterhaltsamsten Waits Alben überhaupt, kurzweilig und abwechslungsreich: schlicht und einfach großartig. Das war jede Sekunde der sieben Jahre Wartezeit wert. Und macht die unweigerlich folgende umso unerträglicher.

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Comments (1)

  1. Pingback: Bob Dylan - Tempest - HeavyPop.atHeavyPop.at 7. September 2012 […] Schunkler, in dem der Schein wie so oft hier trügt. Ähnlich dem letzten Tom Waits Album ‘Bad As Me‘ ist ‘Tempest‘ grundsätzlich betrachtet bloß mehr vom selben, allerdings eben […]

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