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Touché Amoré – Parting The Sea Between Brightness And Me

Der Hardcore Hype des Jahres hält, was er verspricht: Touché Amoré verwischen die Grenzen zwischen Hardcore und sportlichem Screamo um ihrem Sänger Jeremy Bolm die perfekte Projektionsfläche für dessen schonungslose Katharsis zu liefern. Zwanzig Minuten genügen vier Kaliforniern, um kleine Lebensweisheiten eindrucksvoll mit alles über den Haufen rennenden Songs zu untermalen: Damit gehört die Welt endgültig ihnen.

War es unabwendbar, dass ‚Parting The Sea Between Brightness And Me‚ zwangsläufig einschlagen musste, wie eine Bombe? Schon der grandiose Vorgänger ‚..to the Beat of a Dead Horse‚ ließ Hardcore Fans 2009 mit der Zunge schnalzen. Nicht nur, da das Teil von Jeff Eaton (Modern Life is War) und Geoff Rickley (Thursday) veredelt wurde, sondern weil Touché Amoré mit ihrem Screamo-Hardcore ebenso die Lücke füllen konnten, die Mihai Edrisch im Herzen vieler Fans hinterlassen hatten, wie sie auch gleich auf Augenhöhe mit Szenegrößen wie La Dispute los legten. Da passte es auch wie die Faust aufs Auge, dass Touché Amoré mit den Kollegen aus Michigan eine Splitsingle einspielten und auf Tour gingen, die allerorts offene Münder hinterließ. Was folgte war der Wechsel zu Deathwish Records, und plötzlich war er so richtig da, der Hype: Schon nach zehn Minuten beliefen sich die Vorbestellungen für ‚Parting The Sea Between Brightness And Me‘ auf über 1000 Exemplare, die Pre-Order Page der Deluxe Edition der Platte führte zum völligen Serverabsturz. Erste Reviews versprachen daraufhin die Hardcore-Konsens Platte des Jahres, keiner der dem jüngsten Output der fünf Burschen aus Los Angeles nicht bedingungslos verfallen wäre: Touché Amoré sind tatsächlich die Band der Stunde.

Das Erstaunliche: ‚Parting The Sea Between Brightness And Me‚ wird all den vollmündigen Ankündigungen derart spielend gerecht, dass es schon beinahe beängstigend ist. Touché Amoré gehen den mit ‚..to the Beat of a Dead Horse‚ eingeschlagenen Weg konsequent weiter, leuchten ihre Stärken nur noch um so vieles klarer aus. Ed Rose (Coalesce, Get Up Kids, Casket Lottery) hat der Band einen gleichermaßen druckvollen und erdigen Sound verpasst, wie Touché Amoré auch ebenso zerbrechlich und filigran klingen. ‚Parting The Sea Between Brightness And Me‚ schleicht sich leise an und schlägt dann gnadenlos k.o.. Touché Amoré sind hart, aber nicht herzlos; tun weh, ohne brutal zu sein; berühren, ohne sich anzuschmiegen. Denn in erster Linie bleibt das immer noch jeglicher Brachialität beraubter Hardcore, der ohne Umschweife zum Ziel kommt. 13 Songs in knapp 20 Minuten sprechen eine deutliche Sprache. Wenn auch nicht so deutlich, wie es Jeremy Bolm tut. Dank des Schreihalses wächst der tiefgründige Screamoauswuchs von Touché Amoré zu einem lyrischen Leckerbissen. Berührender und emotionaler war Hardcore in jüngster Zeit selten, weiser vielleicht nie. Bolm liefert kleine aber feine Lebensweisheiten im Dauerbetrieb, seine Songtexte könnten anstandslos in jedes Poesiebüchlein einer tiefdunklen, frustrierenden, dunklen Welt übernommen werden. Touché Amorè kämpfen sich durch die Untiefen der menschlichen Befindlichkeit, leuchten die Tristesse des Alltags aus. Und fördern den Intellekt im Hardcore wieder zu Tage. Touché Amoré zelebrieren meisterhaft, was Rites of Spring dereinst als Emo erfunden haben: „Have you ever wondered why I always drive alone? Same reasons why I never pick up my phone.

Parting The Sea Between Brightness And Me‚ quillt derart über vor kluger Sätze und emotionaler Hauptsächlichkeiten, dass man schon mal übersehen kann, welchen gewaltigen Schritt auch der Rest der Band seit dem Debütalbum vollzogen hat. Spannungsgeladen halten sich zerbrechliche Melodien und ehrliche Wutausbrüche die Waage. Nur ein Song knackt die Zweiminutenmarke, dennoch bleibt Zeit genug, um himmelstürmende Hymnen zu basteln. Unglaublich tight setzen die vier Musiker Bolm´s Seelenstriptease in Szene, was schlußendlich zu 12 astreinen Genrehits führt. Die Single ‚Home Away From Home‚ ist da nur die Spitze des Eisberges, Touché Amoré gönnen sich große, im Hintergrund arbeitende Melodieausraster ebenso wie wohlverdiente Pausen, in denen sich die Gitarren umgarnen dürfen, die Ruhe vor dem nächsten Sturm beschworen wird. So bleibt auch Raum für krasse Ausreißer wie die depressiv-entrückte Klavierballade ‚Condolences‚, welche  emotionale Berg und Talfahrten wie ‚Face Ghost‚ sogar noch eindringlicher wirken lässt. Die Handclaps in ‚Sesame‚ werden zum blanken Hohn auf einer Platte, die mit geradezu klaustrophobischer Hoffnungslosigkeit zum Schonungslosesten gehört, was moderner Hardcore zu bieten hat.

Touché Amoré loten mit ihrem zweiten Album Extreme aus. Dadurch machen sie es einfach, diese Band aus den selben Gründen zu lieben, wie andere sie gleichermaßen verabscheuen werden. Zumal kein Ende der Erfolgsleiter in Sicht ist. ‚Parting The Sea Between Brightness And Me‚ ist eine Platte geworden, wie man sie womöglich nur einmal im Leben schreibt. Wenn Bolm in ‚Face Ghost‘ sinniert: „I have faith in us if we don’t self destruct “ weiß man: Touché Amoré sind an einem Punkt angekommen, an dem sie sich nur noch selbst stoppen können. ‚Parting The Sea Between Brightness And Me‚ ist ein moderner Hardcore Klassiker geworden, auf den sich 2011 alle einigen können werden und auf den sich zukünftige Generationen berufen dürfen. Ein emotionales Manifest, um dessen Bedeutung man Bescheid weiß: „If actions speak louder than words, I’m the most deafening noise you’ve heard. I’ll be that ringing in your ears, that will stick around for years.

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Comments (6)

  1. Christopher12. Juli 2011 Antworten
    9/10 gibts auch nicht alle Tage vom Herrn Oliver!
  2. Pingback: La Dispute - Wildlife - Neonliberal.at 23. Oktober 2011 […] und ihn endgültig für das junge Jahrtausend fit zu machen. Gemeinsam mit Touché Amorés ‘Parting the Sea Between Brightness and Me‘ sind es nun also La Dispute, die ebenfalls mit ihrem Zweitwerk aufs neue Maßstäbe […]

  3. Pingback: Make Do And Mend - Part and Parcel - Neonliberal.at | Neonliberal.at 25. November 2011 […] geworden, über den sich mittlerweile nicht mehr alle Beteiligten freuen. Im Jahr, das für Touché Amoré, La Dispute, Defeater und Pianos Become the Teeth den Durchbruch dank außergewöhnlicher Alben […]

  4. Pingback: Touché Amoré – Is Survived By - HeavyPop.at 5. Oktober 2016 […] die Kehle wund und die Seele aus dem Leib. Eine Platte wie der modernen Hardcoreklassiker ‚Parting the Sea Between Brightness and Me‚ hinterlässt eben seine Spuren und will nicht bloß kopiert werden. Touchè Amorè […]

  5. Pingback: Touché Amoré - Stage Four - HeavyPop.at 6. Oktober 2016 […] doch immer wieder in die unbändige Emotionalität und die rohe Energie des 2011er Meisterwerks Parting the Sea Between Brightness and Me kulminiert: Wie Metastasen wuchert der Umbruch im sehnigen Körper von Touché Amoré, vielseitiger […]

  6. Pingback: Touché Amoré - Green - HeavyPop.at 19. September 2018 […] Stage Four (2016) sowie einer vagen Erinnerung dem gemeinsamen Nenner von Is Suvived By (2013) und Parting the Sea Between Brightness and Me (2011), also der ruppigeren Frühphase der Band. Am Beginn steht eine straight anziehende […]

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