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Wilco – The Whole Love

Das achte Wilco Album entstand unter vollkommen neuen Rahmenbedingungen und findet teilweise zurück zur alten Experimentierfreude. Ansonsten ist vieles beim Alten geblieben, was auch heißt, dass Jeff Tweedy und seine Bande offenbar gar nichts anders können: ‚The Whole Love‘ ist schon wieder ein feines Meisterstück aus dem Hause Wilco geworden.

The Whole Love‚ ist ein Album, dass zwischen den Extremen funktioniert, genauer zwischen seinem Anfangs- und Endstück: ‚The Art of Almost‚ eröffnet als expeditionstüchtiger Song, ganz in der Tradition experimenteller Zeiten von ‚Yankee Hotel Foxtrot‚ und ‚A Ghost is Born‚. Da müssen sich die Instrumente erst zusammenraufen, elektronische Spielereien pluckern dazwischen und Streicher umgarnen das alles um über sieben Minuten einen einnehmenden Brocken aus Kraut und Rock zu formen, bevor der Song zur Hälfte hin die Handbremse löst und schweißnass mit heulender Gitarre losbrettert. Eine Eröffnung als Statement: Wilco Songs servieren sich nicht mehr auf dem Silvertablett wie auf dem ausnahmslos guten, aber zu still stehenden Wonneproppen ‚Wilco (The Album)‚. Die Band hat ihren Forscherdrang wieder reanimiert, wenn auch nicht in schon einmal da gewesenen Ausmaß.

Am anderen Ende der Platte dann das zweite Ungetüm: ‚One Sunday Morning (Song for Jane Smiley’s Boyfriend)‚ macht es wesentlich leichter, fliegt mit süßer Melodie und zurückgelehnter Leichtigkeit förmlich auf Einen zu, umarmt und herzt wie ein warmer Sommertag. Ein Song, der sich derart entspannt ewig hinziehen könnte und freilich zu früh endet. Da realisiert man erst spät, dass Wilco diese Glanztat ja ohnedies schon auf zwölf Minuten ausgedehnt haben. Und dabei trotzdem punktgenau gelandet sind, weil Wilco die Nummer trotz allem songdienlich auf den Punkt spielen und kaum Experimente wagen. Diese Zielgenauigkeit ist dann auch das Bindeglied zu den dazwischen passierenden 37 Minuten, auf denen Wilco zu einem Rundgang durch ihre Karriere einladen und ihre Vorzüge dabei nonchalant hervorheben. Das hat etwas von einem Best of mit ausschließlich neuen Songs. Denn bekannt klingt hier vieles, nichts aber aufgewärmt oder ideenlos. Stattdessen machen Wilco, was sie am besten können: Werfen Pop, Rock, Country, Folk und was sich sonst noch finden lässt zusammen und kredenzen wieder einmal ein technisch versiertes Gustostück.

Wünsche lässt dieser Querschnitt durch die herausragenden Qualitäten der Band jedenfalls keine offen: ‚I might‚ begeistert als nach vorne hoppelnder Rocker mit reichlich Orgelfeuer, der harmonische Backkatalog der Beatles wird in ‚Dawned by Me‚ gepfiffen und auch beim Titelsong verinnerlicht. ‚Born Alone‚ rockt unaufdringlich und wäre wohl lieber ein Countrysong geworden, fährt dann jedoch in die Breite. Den Country holen Tweedy und Co. mit ‚Open Mind‚ nach, einem wunderbaren Kleinod mit Lächeln im Gesicht. Richtung Kitsch swingen Wilco bei ‚Capitol City‚ und liefern schlußendlich ganz großes, wehmütiges Kino – welches schlußendlich von ‚Standing O‚ freundschaftlich angeklatscht wird: Wie kann eine Band nur derart herzlich rocken? ‚Sunloathe‚, ‚Rising Red Lung‚ und ‚Black Moon‚ bilden die anmutigen Ruhepole des nicht unbedingt lauten ‚The Whole Love‚, pflegen behutsam zärtliche Romantik und lecken sich selbst die Wunden. Bittersüße Melancholie ist das, auf geradezu schüchterne Art theatralisch, dramatisch und mehr als alles andere berührend. ‚The Whole Love‚ beweist am laufenden Stück, dass eigentlich keine Band schöner klingen kann als Wilco.

Album Nummer Acht vereint damit abermals ausnahmslos makellose Songs ohne Fehl und Tadel. Und dennoch: der heimliche Star der Platte ist die famose Produktion. Heimelig warm und erdig, in den richtigen Momente kantig. Jeff Tweedy und Pat Sansone haben hier ganze Arbeit geleistet und aus den vorhandenen 60 Songs ein wiedereinmal staunend machendes Gesamtkunstwerk geschaffen – welches die Band zudem erstmals über ihr unlängst erschaffenes eigenes Label dBpm veröffentlicht. Wilco vereinen dafür die zurückgelehnte Komplexität von ‚Sky Blue Sky‚, den mutigen Experimentiergedanken von ‚Yankee Hotel Foxtrot‚ und die Liebe zum Kraut von ‚A Ghost is Born‚, welche die zweckdienlichen Songkonzentration von ‚Wilco (The Album)‚ in seine Schranken weist. Das hat man so ähnlich natürlich schon von der Band gehört, auch, weil keine andere Band da draußen klingen kann wie Wilco.  Genau deswegen hält ‚The Whole Love‚ auch einige der bisher schönsten Wilco Kompositionen überhaupt bereit. ‚The Whole Love‚ ist über weite Strecken wieder ein außerordentlich ruhiges Album geworden, das mit geschickter Dynamik keine Ruhe einkehren lässt. Ein weises Album, das vor klugen Texten nur so strotzt. Das fordert und doch sofort einnehmend ist. Man merkt den zwölf Songs zu jeder Sekunde die Zuneigung an, welche die Musiker in die Platte gesteckt haben. Wilco hatten immer schon viel anzubieten. Mehr Liebe und Zuneigung als auf ‚The Whole Love‚ allerdings noch nie.


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  1. Pingback: Wilco - Schmilco - HeavyPop.at 15. September 2016 […] als weiterhin die so wunderbare Zuverlässigkeit der zielsicher abliefernden Wilco (the Album) und The Whole Love zu bedienen: Noch mehr Humor (wieder einmal in der tributverdächtigen Titelwahl und der so […]

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