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William Shatner – Seeking Major Tom

Captain Kirk alias T.J. Hooker spielt wieder den „Sänger“ – und das gleich mit voller Breitseite: ein eigener und 18 Coversongs von Queen über Black Sabbath bis hin zu Pink Floyd hat der Kanadier gemeinsam mit Musiker von Alice in Chains, den Strokes King Crimson und unzähligen anderen Bands eingespielt. Rausgekommen ist dabei ein irrwitzig monumentaler Grenzgang zwischen Genie und Wahnsinn.

Vielleicht ist es Shatners bemerkenswerteste Leistung, dass er sich mittlerweile als respektabler Musiker etabliert hat. Einer, der Queens ‚Bohemian Rhapsody‚ als dramatische Spoken Word Oper auslegen kann, die sich zwischen weinerlichem Flehen und nachdrücklicher Forderung verirrrt und dabei sowas von neben allen Regeln des guten Geschmacks landet, dass es schon wieder einfach nur geil ist. Keine Frage – dass ist irrwitzig, verquer, absurd, unterhaltsam, dramatisch, impulsiv und vor allem bizarr. Das schießt soweit übers Ziel hinaus wie möglich und landet doch punktgenau mit zwinkerndem Auge und schelmischem Grinsen. Das ist Shatner-Musik in Reinform.

Und ‚Seeking Major Tom‚ ist William Shatner’s Opus Magnum. Eine zwanzig Nummern starke Songsammlungen, die sich über eineinhalb Stunden erstreckt, dabei bis auf die Eigenkomposition ‚Struggle‚ ausschließlich auf Coversongs zurückgreift und es sich trotzdem nicht nehmen lässt, sich als Konzeptalbum über die Grenzen des Interpretationshandwerks hinaus zu verstehen. Dafür hat Shatner das Who is Who der Rockszene zusammengetrommelt – Ritchie Blackmore, Alan Parsons, Peter Frampton, Nick Valensi, Zakk Wylde etc. – um sich seine Auffassungen fremder Kompositionen untermalen zu lassen. Selbstverständlich hat der Mime die Zügel gesanglich stramm in der Hand. Eben weil er nicht singt. Shatner versteht Rock und Popmusik als Reflektionsflache seiner Rezetierkunst, als ungefragte Antwort auf seine Existenz als Schauspieler und steigert sich deswegen steif in jeden Song bis zum Exzess. Wo hier die Grenzen zwischen Ironie und blankem Ernst sind, kann sich aber jeder selber aussuchen.

Weil Shatner die letzten Jahre über musikalisch eher anderweitig unterwegs war – unter anderem als Weckstimme für die Space Shuttle Besatzung und beim Vertonen von Teilen der Bibel – darf ‚Seeking Major Tom‚ als direkter Nachfolger zu dem von Ben Folds so famos geschneiderten ‚Has Been‚ von 2004 gesehen werden. Der Knackpunkt in Shatners Musikkarriere: was bis dahin als abstruse Spinnerei einer Film- und Serienlegende galt, war nun nicht nur für Indiekids eine elegante Sache. 1968 war das bei ‚The Transformed Man‚ noch anders und unvergessen bleibt Shatner als ‚Rocket Man‚ – insofern schließt ‚Seeking Major Tom‚, dieses Sammelsurium an Weltraumsongs und solchen, die es laut Shatner sein sollten, auch einen Kreis. Denn sein Coverungetüm von 1987 findet endlich den Weg auf Tonträger. Drumherum Songs, die zeigen, dass Shatner gewillt ist, in Galaxien vorzudringen, die noch nie ein Mensch betreten hat: Shatner „singt“ Peter Schilling! Shatner „singt“ David Bowie! Shatner „singt“ Duran Duran! Shatner „singt“ Black Sabbath! Das kann man sich ungefähr vorstellen wie seinerzeit ‚Common People‚ – nur, dass auf den künstlerischen Überbau weniger wert gelegt wird.

Denn Shatners Musikergäste untermalen die abstruse Karaokesession weitestgehend „nur“ mit  solidem Rock, lassen Ecken und Kanten weitestgehend außen vor. Die Produktion tut ihr übriges um die Musik professionell aber dezent im Hintergrund werken zu lassen, während sich Shatner austoben darf. Hin und wieder gibts weibliche Soulstimmen, Zakk Wylde darf vor ‚Iron Man‚ astrein mit der Gitarre fuchteln. Bootsy Collins hilft beim ohrenkrebserregenden Funkverbrechen ‚She Blinded Me with Science‚, der Raggae folgt ‚Walking on the Moon‚ zwangsläufig. Und Sheryl Crow muß in ‚Mrs. Major Tom‚ ganz alleine ran. Der prominente Auflauf kann und will natürlich nicht verschleiern, dass ‚Seeking Major Tom‚ eine einzige William Shatner Show ist. Die gar keinen Anspruch darauf erhebt, künstlerisch wertvoller als ‚Has Been‚ geworden zu sein, auch wenn sie ebenso ambitioniert sein mag. Denn selbst für Shatner-Verhältnisse wecheln sich Licht und Schatten unumwunden ab – ‚Seeking Major Tom‚ ist mindestens ebenso oft grandios wie es grottenschlecht ist wie es grandios ist weil es eigentlich grottenschlecht ist. Was im einen Moment große Rezitierfähigkeit ist, kann im  nächsten schon wieder ein tongewordenes Kuriositätenkabinett darstellen. Ein schwieriges Album, selbst mit dem Shatner-Bonus.
Im bizarren Video des Eingangs erwähnten ‚Bohemian Rhapsody‚, in dem Shatner als Mond im Zentrum allerlei grenzwertiger Animationen intoniert, bleibt den beiden anwesenden Jugendlichen irgendwann einfach die Spucke weg: „Holy Sh…atner!
Was ‚Seeking Major Tom‚ vermutlich am besten trifft.


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