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Wombs – Unitopians

Muss man nicht auf der Karte gehabt haben, kann man nicht wirklich kategorisieren: Spannend, was eine junge Band aus Ohio da zwischen Freak Folk, Psychedelic Rock und Noise Pop zusammenbraut. Der Vierer Wombs legt sich mit seinem Zweitwerk ‚Unitopians‘ charmant quer und liefert damit praktisch aus dem Nichts ein wunderbar schrulliges  Stück Musik zwischen allen Stühlen ab.

Für eine Band wie Wombs kann man in heutigen Zeiten wohl gar nicht dankbar genug sein. Eine solche, die das Business auf unkonventionelle Art und Weise beinahe im Alleingang umgraben wollen: Um musikalische Konventionen scheren sich die jungen Herrschaften aus den Staaten jedenfalls gar nicht, lassen ihre Kompositionen in nahezu jede Richtung ausfransen, die gerade passt und zeigen sich doch permanent als Stilmeister. Der Gruppenname wird da schon mal marktwitschaftunfreundlich verbogen, was aber eine Band grundsätzlich wenig interessieren dürfte, die ohnedies alles, was sie veröffentlicht einfach verschenkt. Ein Klick auf deren Bandcamp genügt. Wer sich das dann doch in physischer Form ins Regal stellen will, für den produziert man in geringer Auflage. Keine Frage, hier steht die Liebe zur Musik an sich noch im Vordergrund.

Insofern ist es nur zu begrüßen, dass Wombs mit ihrem zweiten Album momentan einiges an Staub aufwirbeln. Nachdem man das Interesse von Norman Palm geweckt hatte, nahm dieser die Band kurzerhand für das eigens dafür reaktivierte Label Ratio Records unter Vertrag und seitdem scheint es für Ryan Manning, Jayson Gerycz (trommelt auch für Swindlella und Cloud Nothing), Chris Brown und Ana Vasquez langsam aber stetig bergauf zu gehen. Zurecht – ist das spritzige Destillat ‚Unitopians‚ doch weitaus spannender geraten, als das ein Gros der momentan medial forcierten Indiescheiben von sich behaupten kann. Dabei hat die Band seit ihrem Debüt ‚Please Please‚ von 2007 wenig an ihrem Sound verändert, auch wenn mittlerweile auf den Artikel verzichtet wird. Noch ausgefuchster und viel besser produziert ist der permanente Grenzgang von Wombs allerdings schon, in Schubladen lässt sich das hier trotzdem nicht pressen.

Topiary Living‚ etwa strapaziert eingangs als alptraumhafte Sirenendronelandschaft, die sich als neue Nationalhymne von Silent Hill empfiehlt und mit dünnem Industrial Beat nirgendwo hin läuft, außer ins eigene Verderben. Der Opener leistet sich nur derart verzerrte Stimmen, dass man schon von einem Instrumentalstück sprechen darf – nicht das einzige, dass sich Wombs gönnen würden. Aber erst einmal ist ‚God is My Co-Pilot‚ in diesem Universum wunderbare Popmusik, von Ryan Manning mit androgyner Stimme über verwinkelte Beats und vertrackte Strukturen mit Hang zum krachigen Noise Ausbruch gehaucht, in dem trotz allem die Melodien regieren. Wer sich da an die Anfangszeiten von Portugal.The Man erinnert fühlt, darf seinen Ohren trauen. Der Spur folgt auch ‚Protein Shake‚, ein nervöser Rempler von einem Song, der sich permanent selbst zu überholen versucht  und mit voller Instrumentierung mit Streichern und Bläsern einen ungehobelten Charme bewahrt. Schneller ist da nur die Gitarren Hatz ‚Heart and Lungs‘. Das Wettrennen der Saiteninstrumente gegen das polternde Schlagzeug wirkt wie eine übermütige Wette zwischen Clap Your Hands Say Yeah und Yeasayer, die unentschieden ausgeht, weil hier ohnedies niemand weiß, was der Wetteinsatz sein könnte. Wie das zum großspurig angelegten Lo-Fi  Poppomp von ‚Purple People Bridge‚ passt? Eigentlich gar nicht und schlußendlich absolut umwerfend.

Der rote Faden bleibt Manning´s heliumquietschende Stimme und das nie aus den Augen verlorene Gespür für großartige Melodien über vertrackten Strukturen. Einfach machen es einem Wombs damit zwar nicht, aber Rechenschaft schuldet man eben niemanden. Weswegen gegen Ende der Drone vom Anfang nochmal geweckt wird und vor rasende Indiedrums und quietschende Streicher postiert wird, ‚Cone Bearing Trees‚ zum absurden Beinahe – ‚Brianstorm‚ – Cover wird und sich eher nach Battles denn nach Arctic Monkeys anhört. Danach sei die Verschnaufpause in Form des Gruselorgelinterludes ‚Bone Soothing Heat‚ gerne gegönnt, auch wenn die Band ‚Luxor Tavella‚ schlußendlich ohnedies nicht mehr vollständig durchzieht und mittendrin einfach aufhört und zwitschernden Vögeln die Bühne überlässt. Obwohl das doch eigentlich der eingängigste, freundlichste und freudenstrahlendste Popmoment der Platte gewesen wäre. Aber sich zu handzahm zu geben, das muß ja nicht sein. Wombs kratzen und beißen sich durch ihre wunderbaren Popsongs, spielen mit zerfahrenem Rock an der Grenze zum Prog und kommen damit aus dem Seitenaus, um mit ‚Unitopians‚ über den Geheimtipp hinaus auf die Liste der Jahreshighlights zu platzen. Eine verquere Schönheit von einer Platte zwischen faszinierender Verweigerungshaltung und wunderschönen Mut zur Hässlichkeit. Für eine Platte wie ‚Unitopians‚ kann man einer Band wie Wombs nicht dankbar genug sein.

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