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Wutbürgerismus

„Düringer for President“, hab ich manche schreiben sehen. Weil er mit seiner „Wutbürger-Rede“ beim letzten Donnerstalk so einen Aufschrei verursacht hat. „Endlich sogt ana, wie’s is“.

Natürlich gibt es da jetzt schon die ersten Kontroversen. Manche sehen die „Rede“ positiv, manche sehen sie negativ. Manche empfinden Düringer, den notorischen Autosammler, als nicht authentisch. Darüber will ich nicht mutmaßen, ich lass lieber den gar nicht so proletigen ehemaligen Meister des Proletenkabaretts für sich sprechen:

Das Ganze war eine satirische TV-Sendung, Unterhaltungsfernsehen sozusagen. Ich bin Schauspieler und Kabarettist und habe da meine Arbeit getan. Dass ich auch über die Sachen gerne spreche, die mich betreffen oder die mich berühren, ist klar. Was auf jeden Fall ist: Es hat etwas ausgelöst. Damit habe ich gar nicht gerechnet. Das war gar nicht der ursprüngliche Plan, dass wir da irgendetwas auslösen damit, sondern das hat sich dann von selber entwickelt.

– Roland Düringer, im wien.orf.at-Interview

Klare Sache: die Rede war Überzeichnung. Also, nehmt sie auch nicht so ernst. Wenn da ein bisserl verschwörungstheoretisch dahergebrabbelt wird, über die Politmarionetten der Banken und Konzerne, über die fehlende Pressefreiheit, über die Vergiftung der Menschen durch die Pharmaindustrie für das BIP, über ein Dienen der Menschen für die Maschinen – nehmt es nicht wörtlich. Das wäre ein Fehler. Düringer ist als Düringer aufgetreten, ja, aber eben in einem Satire-Format.

Ich hab generell mit dem Feuilleton-Liebling „Wutbürger“ ein Problem. Weil ich am hohen Ross sitze und nicht dabei zusehen will, wie die an sich befürwortenswerte politische Kultur der repräsentativen Demokratie zusammen mit antidemokratischen Tendenzen, die oft von einzelnen ausgeübt werden. Mit Korruption, Freunderlwirtschaft etc. Nicht alle Politiker_innen sind schlecht, böse, korrupt, sinnlos.

Und Wut an sich ist nicht gerade etwas Positives. Der Kieler Philosoph Ralf Konersmann unterstellte der Wut der „Wutbürger“ Egoismus. Er traf damit einen wunden Punkt dieser formlosen, vielleicht wirklich gar nicht so großen Masse.

Kritik ist anders. Sie ist eine Sache der Distanz und bezweifelt, gleichsam von Amts wegen, dass die Angst eine gute Ratgeberin sei. Kritik fordert einen kühlen Kopf, sie verlangt Sachverstand, Gesprächsbereitschaft, Urteilskraft. Gewiss verfehlte auch die Kritik, und zumal die attitüdenhafte Kritik der Achtundsechziger, regelmäßig ihren Anspruch. Was jedoch jetzt an ihre Stelle zu treten droht, ist keine Alternative, sondern der Inbegriff dieser Verfehlungen. Die öffentliche Wut ist rechthaberisch, starrsinnig, selbstgerecht, hysterisch.

– Ralf Konersmann, Uni Kiel, im Hamburger Abendblatt

Aber egal ob nun Wut, oder, wie manche es jetzt haben wollen, Mut. Denn auch bei den sogenannten „Mutbürgern“ wird’s nicht besser, wie unter anderem der von Anneliese Rohrer initiierte „Mutbürgerstammtisch“ dem Philipp Sonderegger bewies (Ein zweites Mal verlinkt. Starke Leistung, P.!).

Ich sage dieser Empörung kein langes Leben voraus. Denn ihre Ablehnung des Bisherigen ist oftmals verbunden mit viel Egoismus und weniger Progressivität, als man erwarten möchte. Ein guter Nährboden für neue „Liberale“ mit relativ progressiven gesellschaftspolitischen, aber auch neoliberal angehauchten wirtschaftspolitischen Inhalten.

Und ich empfinde die Abwendung von der Politik nicht nur als ein bisserl schade, sondern auch als gefährlich. Denn, auch wenn Düringer mit seiner „Analyse“ recht hat, Zugehörigkeiten eine gewisse Unfreiheit auslösen mögen (vgl. oben verlinktes Interview auf wien.orf.at), ich nehme diese gerne in Kauf. Denn als Linker will ich die Freiheit, auf Ausländer_innen schimpfen zu können, nicht.
Ich weiß, das meint er nicht. Trotzdem: seine Kritik mag stimmig sein, aber eben auch platt, selbst in den erklärenden Interviews. Das hat auch Niko Alm erkannt, ihn kritisiert, wenn auch manchmal zu wörtlich. Aber ja, Düringer widerspricht sich (wie er im ORF-Wien-Interview argumentiert) eben auch ein bisserl selbst im Standard-Interview, wenn er sagt, er habe die Sendung durchaus ernsthaft beendet. Ehrlich. Ohne Schmäh.

Und jetzt können wir wieder über seine Intention diskutieren. Völlig egal, sag ich euch. Was zählt, ist, was aus der Wut gemacht wird. Daheimsitzen, ärgern und maulen wird nicht viel ändern. Demos besuchen, um ein reines Gewissen haben zu können? Auch nicht. Ich bin ganz bei Niko Alm: hoch mit den grantigen Ärschen und, um Hessel zu zitieren, engagiert euch. Denn nach der Empörung muss Engagement folgen. Sonst bleibt alles beim Alten. Wenn ihr euch engagiert, seid ihr zwar keine richtigen „Wutbürger“ mehr. Dafür habt ihr wirklich was getan, damit es vielleicht ein wenig besser wird.

Und am Ende sei gesagt: Was ist eigentlich mit den Bürgerinnen?

Foto: Screenshot aus dem oben eingebetteten Youtube-Video

Klemens

Das Licht der Welt erst 1991 erblickt und schon so bitter.

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Comments (3)

  1. Dyrnberg15. Dezember 2011 Antworten
    meine sicht darauf war zuallererst eine andere, nämlich: ach, jetzt macht ein österreichischer kaberettist halt ein paar monate später das, was in deutschland so gut funktioniert hat: er hält eine brandrede als wutbürger. wie auch immer man dazu inhaltlich steht… es fühlte sich wie eine eher misslungene kopie der (ähnlich für aufregung im web 2.0 universum sorgenden) rede von „erwin pelzig stellt fragen“, oder? allein daher war’s irgendwie schal im nachgeschmack. http://www.youtube.com/watch?v=7s1-sD9449c&feature=related Das „Original“ scheint mir besser. Pelzig spielt es weniger und bringt auch Fragen. Zu diesen kann man stehen, wie man will. Aber nur „Wir sind wütend“ skandieren ist halt die bequemere Lösung des Textschreibens.
  2. ichisdochklar19. Dezember 2011 Antworten
    schon bei der einleitung von düringers rede sollte doch klar werden, dass er sich über die wutbürger lustig macht. ihre kritik ist unreflektiert und positionslos. sie ist nur ein reflex. eine „generelle“ unzufriedenheit, die sich auf altbekannte projektionsfiguren wie politiker, banker und industrielle entlädt. und genau das sagt er doch auch in seiner rede. kann mir nicht vorstellen, dass er so dumm ist, wie er sich in der rede gibt. wenn doch, dann wäre das selbstentlarvung allererster güte…
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